Thema: Dankbarkeit

Dienstag, 20.5.2003. Es hat den Anschein, als ob seinerzeit meine knapp einjährige Herbergsväterlichkeit in Verbindung mit finanziellen Zuwendungen für Bruder Efeu doch mehr war als nur die übliche Manifestation meines Handicaps Bergpredigt, bei der mir die Seele gleichsam, wie Kleists Schauspieler, im Ellbogen gesessen hatte, mit dem Resultat Katzenjammer. Als ich gestern bei seinem späten Postanruf Bruder Efeu bang aufs Rasenmähen ansprach, weil er jetzt mit seiner Zeitrente nicht mehr auf Honorar angewiesen ist, sagte er, das sei eine Sache der Ehre, ich sei sein bester Freund, ich hätte viel für ihn getan, er werde mir immer dankbar sein. Zunächst stellte sich mir die Frage meines primären Handicaps "wieso gelte ich denn, ich leiste doch gar nicht? Es muß sich um ein Mißverständnis handeln." Aber darauf wurde mir klar, daß ich ja geleistet hatte und daß es dann, real existierende Dankbarkeit vorausgesetzt, durchaus seine Richtigkeit damit hat, daß einer aus Freund- schaft für mich Schweiß vergießt. - Es muß bei jenem freundschaftstiftenden Jahr der Nächstenliebe auf meiner Seite sehr wohl die Kleistsche Marionettengrazie ge- geben haben, die den sozial Schwächeren auf gleicher Augenhöhe sieht und konsequent auf demütigende Gratifikationen verzichtet. Anders ist jetzt die real existie- rende Dankbarkeit nicht zu erklären. Auch früher schon hat Bruder Efeu diese bei jeder Gelegenheit thematisiert, so daß ich bereits an Berechnung und Tartufferie glaubte. Doch nun ist er mit der Beziehung zu seiner Holden und mit ihrer beider auskömmlichen Zeitrente saturiert und hat keinen rechnerischen Grund mehr, mir Honig um den Bart zu schmieren. - In dieser Art und Weise schulde ich eigentlich nur dem teutschen Lebensgefährten meiner Mutter, wie sich posthum zeigte aus zweiter Hand, Dank für meinen hälftigen Lebensunterhalt während meiner Kindheit, Jugend und Berufsausbildung, wo er mich durch alle Entwicklungsstadien stets auf gleicher Augenhöhe gesehen hat, ohne eine verschwiemelte Vatersohnschaft einzufordern. Wegen seiner Hakenkreuzverflochtenheit hat er leider die Aktualisierung meines sekundären Handicaps zum Anlaß genommen, die Beziehung abzubrechen. Auch das Wiederauftauchen seiner Frau, nach der nationalen Einheit, war Grund, von der ganzen biographischen Epoche mit meiner Mutter, die er nach ihrem Tod die Frau seines Lebens nannte, nichts mehr hören zu wollen, so daß ich gar nicht einmal weiß, ob er 87jährig noch lebt. Da er überraschend zwei Söhne in meinem Alter hat, mag das auf sich beruhen. Als alter Kämpfer hat er natürlich in puncto Zeitgeschichte gelogen, daß sich die Balken bogen. Aber das double-bind, dem ich von der Frau seines Lebens ausgesetzt war, ist das nicht gewesen, wie ich am Ausbleiben des nachträglichen Schädelbrummens merke. Es war nur Lüge, nicht Strukturlüge. - Es tut mir leid, daß ich ihm nicht mehr sagen kann, daß mein Nachgeschmack unserer strukturell prekären Beziehung gut ist. Das Auto, das ich zwecks Brautschau als Student geschenkt bekam, hat zur Hälfte er erwirtschaftet. Und so alles andere. A propos Brautschau: Meine Frau war für meine Mutter nicht erste Wahl. So war das Auto nicht gemeint. Es hätte eine Architektentochter mit Vaters Büro im Hintergrund und Mist an den Hacken werden sollen. Aber da hat der Lipizzaner denn doch ausnahmsweise einmal wider den Stachel gelöckt. Die glückhafte Partnerwahl war meine einzige autonome Tat zu Lebzeiten meiner Mutter, und sie wirkt bis heute noch nach. Eigentlichen Dank schulde ich übrigens beiden Frauen nicht. Die Muttersohnschaft war beidseits ausgeglichene Pflichterfüllung und in der Ehe habe ich zurückgeliebt, so lange die Herzenssonne meiner besseren Hälfte mich beschien. Für späteren Neumond kann ich nichts, wegen meiner beiden Handicaps. Wohl deswegen bin ich so von den Socken, daß morgen hier schweißtreibend aus Dankbarkeit der Rasen gemäht wird. Freundschaftsschweiß geht meiner Todsünde Trägheit nämlich sehr nahe. I c h könnte heute so nicht mehr danken. Allenfalls per Internet to whom it may concern.