Thema: Katechismus

Donnerstag, 8.5.2003. Heute vor achtundfünfzig Jahren zerschellte das Haken- kreuz. Tags darauf war mein fünfter Geburtstag. Inzwischen sind beide Tage für mich unlösbar verbunden. Ich kann mein Wiegenfest nicht begehen, ohne daran zu denken, daß die vernichtende und tödliche Niederlage unserer Väter eine Befreiung war und daß meine ersten fünf Lebensjahre in einem untergegangenen Äon verschollen sind. Die Gnade der späten Geburt gilt für die, welche die zwölf braunen Jahre schon bewußt miterlebten, aber wegen ihrer Jugend nicht wirklich verstrickt waren, indessen mir das erheblich verkürzte Hakenkreuzjahrtausend wegen meines Vaters Kriegstod zur Nibelungenheimat wurde und ich dadurch älter bin, als mancher siebzigjährige Landsmann. Das könnte auf sich beruhen, wäre da nicht das apologetisch gemeinte Hakenkreuztagebuch meiner Mutter, das sie mir zur Geburt unseres Sohnes auf die Seele band, um zwei Jahre später jäh und unerwartet das Zeitliche zu segnen. Dadurch hatte ich Gelegenheit, nach und nach die Fäulnis der Idylle meiner frühen Jahre kennenzulernen und deren Verstrickung in das Ursachenkontinuum des Aschenmehls in der Weichsel zu ermessen. Gerade wegen der naiven Apologie des Tagebuchs geht mich der Abgrund Auschwitz ganz persönlich an und als nolens volens bewußtes Mitläuferkind bin ich von den Täterkindern nur durch eine Haaresbreite getrennt. Seit einer einschlägigen Radiosendung ist meine zeitgeschichtliche Bezugsgröße der zehn Jahre ältere Martin Bormann junior, der älteste Sohn von meines Architektenvaters Bauherrn mit den blutigen Händen. Das zuvor gottgläubige Täterkind des Christenverfolgers ließ sich nach der Stunde Null katholisch taufen und machte in der Una Sancta eine geistliche Karriere. Ihm bräuchte ich nicht zu erklären, daß das Hakenkreuz das monumentalste Fragezeichen der Menschheitsgeschichte ist, auf das nur das Kreuz noch eine Antwort zu geben vermag, weil das vermeintliche Werkzeug der Vorsehung, Hitler, die größtmögliche Fallhöhe, nämlich vom Tempeldach, gestürzt war. - "Nationalsozialismus ist der Wille des Führers. Punkt." antwortete Vater Bormann auf eine entsprechende Frage seines Herzensjungen bei einem Aufklärungsgespräch zwischen Vater und Sohn. Dem monumentalen Frevel lag mehr sogenannt heiliger Glaube zugrunde als man heute wahrhaben will, was auch die vatikanischen Kirchenfürsten aus antibolschewistischem Kalkül bei Hitlers Rombesuch den Kardi- nalshut ziehen ließ. Durch die Eindeutigkeit der Niederlage vor achtundfünfzig Jahren und durch die Unmöglichkeit einer Apologie ist meinem Vaterland die Fäulnis der spanischen "transicion" erspart geblieben, mit der sich das klerikal-faschistische Mörderschwein Franco hochbetagt ein friedliches Sterbebett erschleichen konnte. - In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hat Rom mit Christus Politik gemacht und ihn dadurch zum zweiten Mal gekreuzigt. Deswegen sind heute die enragierten Höllenpredigten, etwa eines Rupert Mayer, verstummt, und ist das eschatologische Büro der Una Sancta geschlossen. Das ist vielleicht am heutigen Tag der eigentliche Grund zum Feiern, denn eine Arkandisziplin bezüglich dessen, was letztlich zählt, steht der größten geistigen Macht der Welt wohl an. Da es wegen des Unfehlbarkeitsdogmas zu einer Revision der Katechismushölle nicht reicht, ist eschatologisches Schweigen die zweitbeste Lösung. Bei mir bleibt so manches Buch zugeklappt, warum nicht auch der Katechismus. Nur dann ist morgen mein Wiegenfest ein Geburtstag wie jeder andere. Übrigens reichte die Kapitulation der Ostfront noch eine Viertelstunde in den neunten Mai, was mir meinen fünften Geburtstag zum i-Düpferl der Hakenkreuzliquidation macht und den Auftrag gibt, von da eschatologisch weiterzufragen. Nur das läßt mir den Katechismus zum Thema werden, der im Obrigen als Kondensation des von Frossard fast uneingeschränkt beglaubigten Lehramts auf sich beruhen mag. Heute und morgen ließe ich ihn zugeklappt, hätte ich nicht längst schon mein Exemplar dem Sohn zur Firmung geschenkt. Das ist die sicherste Methode, die Katechismushölle endzulagern, denn er liest nicht und was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Neben dem originalen Familiensiegel ist das schon die zweite geistliche Radioaktivität, die ich bei ihm endlagere. Möge der Salzstock seiner Unbefanqenheit der Halbwertzeit des strahlenden Materials gewachsen sein. Auf Frossard jedenfalls kann sich die lehr- amtliche Kernkraft nicht berufen, das macht das Ausharren aussichtsreich.