Thema: felix culpa, Brot und Kelch

Mittwoch, 23.4.2003. Nach einer kurzen Bierlieferung von Mutter und Sohn machte ich mich gestern an die Dienstagserledigungen, ohne Restaurantbesuch, aber mit Knacks-Klause und Arzttermin. Der Seelendoktor wertete es als ein Zeichen von Sensibilität und psychischer Gesundheit, daß mich das Geschwätz in der Knacks-Klause runterzieht. Dort redet man nämlich miteinander, ohne sich was zu sagen zu haben. Weil ich da nicht mitspiele, bin ich zum Zuhören verurteilt und das tut weh. Christsein in der Welt ist sehr einsam. Allerdings hatte ich gestern Gele- genheit zu einem Wortwechsel mit Bruder Justus, dem schlichten Gerechten. Er war am Ostermontag ausnahmsweise zu einer Messe im Dom, aber offensichtlich ohne daß es Klick gemacht hat. Mit ihm teile ich die Wahrnehmung, daß beim Hostienempfang zu wenig von oben kommt. Deshalb fragt er mich immer nach etwaigem Kirchenbesuch und gestern sagte ich, daß nur nach der Beichte zur Messe gehe aber schon lange nichts mehr verbrochen hätte. Was das denn das letzte Mal gewesen sei, wollte er wissen. "Ein Verstoß gegen das siebte Gebot", entgegnete ich. "Hast g‘stohl'n?" fragte er. "Nein, gelogen", war meine Antwort. "Dann war es das achte Gebot", stellte er fest. Mit Bruder Justus also ist Christsein in der Welt nicht einsam. - Trotzdem ging ich dann subdepressiv zum Arzttermin und warf dem Seelenheilkundigen die habituelle Frustration bezüglich der Knacks- Klause zum Fraß vor, auf daß er mir nicht ein alkoholwidriges Antidepressivum verschreibe. So gelangte ich sogar noch zu dem Attest von Sensibilität und psychischer Gesundheit. Nach Spritze und Blutabnahme machte ich mich auf den Heimweg, während es inzwischen regnete, so daß ich zu Hause lange mit nassen Klamotten herumsaß, bis ich mich dann doch entschloß, Hemd und Pullover auf der Heizung zu trocknen und das Unterhemd zu wechseln. Zum Glück ist heute im Erwachenselend davon keine Grippe zurückgeblieben. Bei der Bierlieferung hatte meine Frau zwei verspätete Ostereier und eine Artischocke aufgeboten, die mir den Tag über den Magen hinreichend füllten, also sparte ich außer dem Restaurantbesuch sogar noch die Eintopfkonserve. Die vermiedene Ausgabe im bodenständigen Stammlokal hatte den Kauf von Reserveglühbirnen für Eli Einsiedel ermöglicht, was mich beruhigte, weil ich schon länger darauf warte, daß die Wohnzimmer-, Dielen- und Küchenbeleuchtung sukzessive den Geist aufgibt. - Übrigens war der Grund für meine damalige Beichte gewesen, daß ich den Seelendoktor und Bruder Justus angelogen hatte, den einen betreffend Alkoholkonsum, den anderen bezüglich früherer sportlicher Leistungen. So war gestern also das Duo meiner felix culpa konstelliert, die mich vorübergehend zum Kirchenchristen gemacht hatte. Beim Bußsakrament stelle ich meine Skepsis bezüglich Priesterweihe und apostolischer Sukzession hintan und beichte dem erfahrenen Bruder, nicht dem Priester. Daraus folgt dann die anschließende Teilnahme an der Kommunion als Demutsübung gegenüber der hoch gepokerten Transsubstantiation nach dem Motto "schön wär's". Ich passe also, weil mein Blatt nach der Absolution sowieso mies ist. Das kann dann noch eine Weile so fort gehen, bis ich merke, daß meine eucharistische Andacht definitiv im Sande verläuft. - Dann wird mein gastweises Christsein in der Kirche wieder zum Christsein in der Welt, bis zur nächsten geistlich justiziablen Entgleisung. Ganz konsequent ist meine freiwillige Selbstexkommunikation wegen der katholischen Katechismushölle, aus Solidarität mit dem gebannten Ketzer Ori- genes, also doch nicht. Auf das Bußsakrament würde ich ungern verzichten. Zum Priestertum aller Gläubigen steht das nicht im Widerspruch, denn auch in der Una Sancta haben Priester einen Beichtiger. Nur daß dann der Kollege die Hostie magisch konsekriert, widerstrebt meinen lutherischen Instinkten. Aber das ist, wie gesagt, hoch gepokert, vielleicht tatsächlich nicht magisch sondern metaphysisch, und durch Frossards Blankoscheck mit umfaßt. Bei mir braucht es allerdings erst die felix culpa als gegebene Veranlassung, damit ich das Knie beuge. Es fehlt mir halt an der katholischen Konditionierung ab ovo. Ein Spätkonvertit wird nie voll dazugehören. Ein Schelm gibt mehr als er hat. Wenn das Meßopfer tatsächlich nicht nur Magie, sondern Metaphysik ist, beraube ich mich im Alltag der konkreten Teilhabe am Göttlichen im Hier und Jetzt. Mit Blick auf derzeit fünf Milliarden Nichtkatholiken und den paulinischen Pan-en-theismus ist das hinzunehmen. Die jüngste Verweigerung der eucharistischen Gastfreundschaft deutet sowieso auf Magie des opus operatum für die ab ovo Konditionierten, nicht auf Metaphysik für alle. Wäre sich Rom seiner eucharistischen Sache wirklich sicher, würde es die Teilnahme an der Kommunion nicht an die Zugehörigkeit zum Mäh und Bäh auf der Weide unterm Krummstab knüpfen. Wer ungebeichtet kommuniziert, ißt sich das Gericht an, heißt es. Die Kirche aber darf nicht vergessen, daß sie dient, nicht herrscht.