Thema: Synapsen

Dienstag, 12.2.2008. Bei meinem schriftlichen Tun sind die Handschriften der Standardakten experimentell, die sporadischen Druckfassungen der Webseite ernst gemeint. Abends faxte ich dem Sohn den Sekundärtext zu, wegen Verdacht auf Internetfähigkeit, da er ein Stück Aufklärung beinhaltet und in weitestem Sinne beim Thema religionsloses Christentum bleibt. Er erwies sich jedoch als nur experimentell und wurde abgelehnt. Das ist wie bei dem Tuschemaler, der vom chinesischen Kaiser mit dem Bild eines Hasen betraut wurde, monatelang nichts hören ließ und dann die vollkommene Tuschezeichnung eines Hasen präsentierte. Auf die Frage des Kaisers, warum das bißchen Resultat so lange hatte auf sich warten lassen, führte ihn der Maler in seine Werkstatt, wo sich die Hasenentwürfe bis zur Decke stapelten. Da ich ex nihilo auf der Basis der Golem-Phase schreibe, die alles Vorige zunichte macht, geht es mir ähnlich. Die Hasen in meiner Vitrine sind Experimente von Versuch und Irrtum, nur der eine, der nach Monatsfrist in schweren Geburtswehen das Licht der virtuellen Öffentlichkeit erblickt, ist nach bestem Wissen und Gewissen zweier  Betrachter gültig und kann dem Kaiser “man” vorgelegt werden.  John Cage gab seine Experimente in statu nascendi dem Publikum zu hören und wurde als Neuerer berühmt damit. Das ist nicht mein Weg. Ich lasse meine Versuche und ihre Irrtümer unter Verschluß wie jener Tuschemaler, weil ich nicht gefallen und zerstreuen, sondern überzeugen und bessern will. Ja, ich bin ein Weltverbesserer, denn die Handreichung zur Selbstverbesserung ist der erste Schritt zur Weltverbesserung. Und auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Diese Handreichung ist seit jeher das Geschäft der Pädagogen, ob sie es wissen oder nicht und nur Steißtrommler sind. Ich hatte mit ihnen Glück. Die Kopfnote meines Abiturzeugnisses attestiert mir einen “anständigen, offenen und zuverlässigen Charakter”. Heute, fast fünf Jahrzehnte später, zeigt mir die sorgfältige Introspektion in aller Bescheidenheit, daß der damals hinterlassene Eindruck invariant zu sein scheint und also in Synapsen der Großhirnrinde, pädagogisch sachkundig gebahnt, sein materielles Substrat findet. Eltern und Pädagogen sind Synapsenbaumeister.  Am intensivsten  die Mutter des ersten Lebensjahres, wo mit Mutterbrust oder Aletemilch, mit Zuwendung oder sensorischer Deprivation lebenslang die hirnstrukturellen Weichen gestellt werden. Da hatte ich Pech. Zu Zeiten meiner Geburt gab es hierzulande die Naziaufzuchtfibel, welche das Letztere den Müttern des ersten Kindes dringend ans Herz legte, was meine beflissene, subalterne Mutter Punkt für Punkt befolgte. So wurde ich hirnstrukturell auf soif d ábsolu und defizitäre Mitmenschlichkeit, also herrenrassisch programmiert. Das hinterließ keine Spuren und tat meiner kognitiven Leistungsfähigkeit keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Im Abitur war ich einer von drei gleichrangigen Klassenbesten. Nur der emotionale Intelligenzquotient war und ist unterdurchschnittlich. Aber extrauterine Hirnstruktur ist kein lebenslanges Schicksal, da sich durch beharrliche Selbstschulung Synapsen auch im Alter noch im Lauf der Zeit umbahnen lassen. Bei dieser Selbstschulung setze ich auf geistliche Besinnung. Demjenigen, der nur mit dem Herzen gut sieht, erweist sie sich als der edelste Stoff, dem Nobelpreiswissen im Rang erst nachfolgt. In diesem überschreiten hervorragende Fachleute, etwa Russell oder Monod, gern ihre Kompetenzen und blamieren sich dann atheistisch bis auf die Knochen, weil sie von dem, was letztlich zählt, keine Ahnung haben und diesbezüglich blutige Laien sind. Doch kann man durch geistliche Besinnung durchaus der Achse der absoluten und objektiven Wahrheit näherkommen. Diese asymptotische Annäherung ist das erregendste Abenteuer, das einen nicht mehr losläßt. Denn die wahren Abenteuer sind im Kopf, und wenn sie nicht im Kopf sind, sind sie nirgendwo. Mein Fernweh zielt nach innen. Weit sind die Wege, weit ist die Fahrt. Mühsal und Kampf sind uns nimmer erspart. Lockende Ferne ruft immerzu: End´ aller Fahrten, Herr, bist du. Der Sohn will vom noch zu gewinnenden Lottogeld reisen, um festzustellen, ob der Himmel bei Schönwetter überall blau ist, ich dagegen rühre mich nicht vom Fleck und erkunde lieber den Kontinent Psyche. Die Spesen dafür sind bei mir auch ohne Jackpot drin. Derweil fülle ich die Standardakten in der Vitrine mit meinen Hasenentwürfen. Ein bißchen was hat das von Zen, dem Üben , Üben, Üben im Bogenschießen, im Ikebana, im Schwertkampf oder in der Tuschemalerei. Der Weg ist das Ziel, jedenfalls bei der damit verbundenen Synapsenbahnung. Die Treffer ins Schwarze sind nur die Spitze des Eisbergs, dessen Tiefgang sieben unterseeische Zehntel beträgt. Meine Synapsen sind mein Tiefgang. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht und der Geist inspiriert sie doch.