Thema: Frohe Ostern

Sonntag, 20.4.2003. Das leere Grab des Erstlings unter den Entschlafenen zeigt, daß bei aller Kontingenz das Humanum für Gott einen unendlichen Wert besitzt. Deshalb ist mir, nach der gestrigen kalendarischen Adresse der Unsterblichkeit der Seele, der Ostersonntag der Tag der göttlichen Essentifikation des Humanum, des Durchgangs durch das Kreuz zu unsagbarer Vollendung durch die Liebe, die getötet lebendig macht, die Liebe, die Gott ist. Mit natürlichem psychischem Fortleben allein, wie auch in den Naturreligionen, ist wenig verrichtet. Mich schaudert bei der Vorstellung, ich könnte mich an aller meiner erdgebundenen Tage Abend im Um- greifenden wiederfinden mit genau der Innenausstattung meiner Identität, die ich jetzt mit mir herumtrage. Wahre Auferstehung ist mehr. Sie macht aus Kontingenz ein Absolutum, das des letzten Ziels der Vorsehung, Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, würdig ist. Daß nach dem karsamstaglichen Ausleeren der Hölle durch den hingegebenen Gottessohn dieser sein ErdenWirken im Verborgenenen noch einige Zeit bis zu seiner Himmelfahrt fortsetzen konnte, ist der eigentliche Erweis seiner Weltheilandschaft, denn ein leeres Grab allein könnte auch eine pia fraus seiner Anhänger gewesen sein. Erst Christi Himmelfahrt macht rück- wirkend den Ostersonntag zu dem, was er für mich ist, zur kalendarischen Adresse der denknotwendigen Essentifikation des Humanum durch Gott, zum Tag wahrer Auferstehung, nicht natürlichen psychischen Fortlebens allein. Ewiger Tod ist ja in seiner immerwährenden Gottferne gerade der unausdenkbare Schrecken und Stachel der natürlichen Unsterblichkeit. Daß er mit Christi "descendit ad infernos" am Karsamstag im Prinzip besiegt und zum purgatorischen Umweg der Liebesgerechtigkeit auf dem Weg zum letzten Heil ermäßigt wurde, ist meine häretische Überzeugung, die ich mit Origenes, Frossard, Tillich und Hans Urs von Balthasar teile. Die Amtskirche kann wegen des Unfehlbarkeitsdogmas auch nach Auschwitz nicht von ihrer Katechismushölle runter. Der verstorbene Monsignore Betzwieser von Herz Jesu in meiner Heimatstadt, wo auch Strauß betete, behalf sich mit der Formel "eine Hölle gibt's scho, aber es is niemand drin." Berühmt wurde er durch seine gepredigte Überzeugung, daß auch Tiere in den Himmmel kommen. Das sonstige Schweigen des eschatologischen Büros der Una Sancta erklärt sich durch das Ursachenkontinuum des Aschenmehls in der Weichsel, das auch Schweigen, Wegschauen und Gewährenlassen, trotz ethischen Mandats, mit umfaßt und das bis in den Vatikan hineinreicht. - Ostern nach Auschwitz besagt, daß es zwischen irdischem Hinscheiden und wahrer Auferstehung, nämlich der göttlichen Essentifikation des Humanum, eine unterschiedlich gravierende, erdgebundene purgatorische Karenzphase geben muß, in der die Innenausstattung der natürlichen Identität unberührt bleibt. Deshalb ist Seelsorge für die Entschlafenen, daß Gnade werde, unverzichtbar. Ich habe sogar, im Zustand der Geschäftsunfähigkeit, einmal eine anonyme Seelenmesse für Adolf Hitler gestiftet. Bruder Pius, der gestern zu Besuch war, glaubt ein Jesuswort zu kennen, wonach Mangel an Unrechtsbewußtsein strafmildernd wirke. Das würde mein abwegiges Beginnen nachvollziehbar machen, denn Hitler war zwar ein dämonisch-charismatischer Weltbrandstifter im Herzen des Abendlandes und stürzte die größtmögliche Fallhöhe, nämlich vom Tempeldach, hielt sich aber subjektiv für ein Werkzeug der Vorsehung. - Meiner Familie bleibt der Tag heute ungefeiert. Die bessere Hälfte versteht das leere Grab als pia fraus der Anhänger eines gescheiterten Reformjuden, der Sohn, bar jeder litur- gischen Kenntnis, meinte schon den Karfreitag österlich, und mir ist meine Pointe des Ostertags zu abstrakt, um deswegen in die Knackwurst zu beißen. Trotzdem natürlich: Frohe Ostern!