Thema: Höll’ und Verdammnis

Donnerstag, 17.4.2003. Heute im Erwachen meldete sich in meinem aufdämmernden Bewußtsein der Name des Kirchenvaters Origenes, der gestern nach Zapfenstreich in einem Radiohörbild über Byzanz gefallen war. Dem Origenes hat bei allen theologischen Verdiensten seine nichtinfernalische Eschatologie der apokatästasis pänton den Ketzerbann der frühen Kirche eingetragen, noch weit vor dem mittelalterlichen Höllendogma der Una Sancta. Im Erwachenselend hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen, daß ich von dem ganzen Theologengezänk der zwanzig christlichen Jahrhunderte fast nichts weiß und mich trotzdem vermesse, philosophisch-theologisch zu schriftstellern. Die schmale kognitive Basis meines Bemühens um Sagbarkeit der metaphysischen Tatsachen besteht nur in Frossards Theophanie-Zeugnis mit seinem nahezu uneingeschränkten Blankoscheck für das katholische Lehramt, und in Tillichs systematischer Theologie, als den beiden Repräsentanten; der katholischen Substanz und des protestantischen Prinzips. Von der gesamten Ostkirche habe ich keine blasse Ahnung und auch kaum von der labyrinthischen Dogmatikgeschichte, bis es so weit war, daß Frossard, der vormalige Atheist und Mystiker wider Willen, der katholischen Kirche attestieren konnte, ihre Lehrte sei wahr bis zum letzten Beistrich; mit Ausnahme freilich des Höllendogmas. Hier wird nun Origenes, der häretische Kirchenvater, zur ersten Adresse. Seine eschatologische Versöhnungstheologie ist zwar hochspekulativ und trägt gnostische Züge, aber im Prinzip ist sie mit Frossards lakonischer Einschränkung seiner Ge- neralbeglaubigung des katholischen Lehramts kompatibel. Der über ihn verhängte Ketzerbann trifft außer Frossard und Tillich auch mich und womöglich noch Hans Urs von Balthasar, der vom einfachen Priester zum Kardinal aufgerückt war und mit seiner Karsamstagstheologie des hingegebenen Gottessohnes die Denkfigur vom Ausleeren der Hölle bezwingend gestaltet hat, ohne jedoch formell die Grenzen des einschlägigen Dogmas zu verletzen. Dem trug sogar der gegenwärtige Papst in seinem Interview-Buch Rechnung, indem er, leider nicht ex cathedra, das mittelalterliche Höllendogma relativierte. Auf dem Hintergrund des Unfehlbarkeitsdogmas ist der mittelalterlichen Definition in apostolischer Vollmacht auch nicht ex cathedra beizukommen, deshalb hat nach Auschwitz die Una Sancta das eschatologische Büro kurzerhand geschlossen und hüllt sich bezüglich der letzten Dinge in Schweigen. Aber noch der seliggesprochene Jesuitenpater Rupert Mayer war ein enragierter Höllenprediger. Am heutigen Gründonnerstag begeht die Kirche die Be- gründung des Eucharistiegeheimnisses, dem ich mich durch Selbsexkommunikation entziehe, weil ich nicht hinter den gebannten Ketzer Origenes zurückfallen mag. Er hat das biblische Mauerblümchen des paulinischen Pan-en-theismus radikal ernstgenommen, während ab ovo in der gesamten Dogmatikgeschichte bis ins katholische Lehramt hinein es eschatologisch gewaltig menschelt. Spätestens mit dem Unfehlbarkeitsdogma des neunzehnten Jahrhunderts ist das Kind in den Brunnen gefallen. Jetzt sind Höll' und Verdammnis aus dem Katechismus nicht mehr weg- zubringen. Da hilft nur noch der Rekurs auf den, um den es in der Bibel geht. Er sagte: "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird auch euch gemessen werden." Wer einen anderen endgültig verdammt, der verdammt sich selbst. Das läßt mich, wie etwa auch das Täterkind Martin Bor- mann junior, bei der Stange bleiben. Wir gedenken unserer toten Väter wegen des vierten Gebots nicht, damit sie leben, sondern weil sie leben. Das macht Eschatologie erstrangig und Origenes heutig. Am Ende wird sein Gott alles in allem und für alle, sagt Paulus. Auch das muß man in die Waagschale des Frevels legen. Das macht sie gewichtiger, als unsre Schulweisheit sich träumt, Horatio. "Gewogen und zu leicht befunden" ist, wegen Jesu universaler Erlösungstat am Kreuz, nur ein unerfüllter Grenzbegriff. In diesem Sinne mag von mir aus das Höllendogma fortgel- ten. Eine Hölle gibt‘s scho, aber es is niemand drin.