Thema: Das vierte Gebot

Donnerstag, 8.3.2001. Ich habe keinen Abgrund geerbt, wie die Täterkinder, sondern nur einen kleinen aber unverbrüchlichen Makel, der gerade ausreicht, mir die sündenfallbedingte Grundsituation des Mensch- seins einsichtig zu machen und mir die Illusion zu rauben, die lapsarische conditio humana sei kreationistische Makulatur des Alten Testament.Wessen herzensguter Vati vierzigtausend Menschenleben auf dem Gewissen hat, der wird nicht auf den Gedanken kommen, die Theologen von Genesis 3 hätten frei schweifend nur dem Theodizeeproblem einen Riegel vorschieben wollen. Was allerdings bei ihm Abgrund ist, gereicht bei mir nur zu einer schwebenden Aufmerksamkeit gegenüber der Antwort auf die Frage, die ich ab ovo verkörpere. Man könnte die trotz Neo- darwinismus lapsarisch bewußten Menschen Adams Erbengemeinschaft nennen. Es ist gar nicht so einfach, sich schon neugeboren heilsbedürftig zu wissen. Der Nazizeitraum hat hierzulande dieser Einsicht heuristisch Vorschub geleistet. Mein Schwiegervater war Hauptmann der Wehrmacht und hat dank zweier Verwundungen lange genug überlebt, um das Zeit- rafferjahrtausend seinen Töchtern als Episode erscheinen zu lassen. Mein Vater aber hat, als Wehrmachtsgefreiter, Kartenzeichner und Meldereiter, mit einem SA- Sportabzeichen und einer moderat antisemitischen Floskel im letzten Feldpostbrief gerade wenig genug hinterlassen, um die Sehnsucht meines Lebens zu werden, aber zuviel, um mich nicht adamitische Schlüsse ziehen zu machen. Gerade weil in Genesis 3 eine kleine widergöttliche Kaltschultrigkeit genügt, um die Erbsünde in Marsch zu setzen, ist mir die prinzipielle Einheit des Ursachenkontinuums für das Aschenmehl in der Weichsel so deutlich bewußt, daß ich mich den Täterkindern näher fühle, als den lapsarisch Schimmerlosen. Im Grunde ist erst das Hakenkreuz die Reinkultur des Fragezeichens zu der Antwort, die das Kreuz schon seit zweitausend Jahren bereithält. Die Monumentalität des von jenem sym- bolisierten Frevels im Herzen des heuristisch privilegierten Abendlandes verweist auf die kosmische Dimension der Gnade, die zuvor, gegen Paulus, als heilsindividualistisches Krähwinkel gegolten hatte. Jedenfalls ist es das, was ich dem herzensguten Vati mit den blutigen Händen nachrufen würde, wäre ich Täterkind, denn man soll ja bekanntlich Vater und Mutter ehren.