Thema: Katzenjammer

Freitag, 11.4.2003. "Guter Text", sage ich heute im Morgensumpf nach mehrmaligem Lesen meiner gestrigen Produktion. Sie ist das Hauptmerkmal des vergangenen Tages, denn außer einem öden Postbesuch von Bruder Efeu und meinem Anruf beim Sohn wegen Internet war gestern nur Basisverlauf. Im Erwachenselend und bei der Morgenroutine vorm Spiegel überkommt mich regelmäßig Panik über meine Dummheit und darüber, wie wenig ich zu bieten habe. Da ist ein schließlich als stringent befundener Vortagestext am Schreibplatz ein gewisser Trost. Mein Sohn wird ihn heute Abend gegen mein letztes Geld ins Internet stellen, wenn er ihm chefredaktionell zustimmt, was wahrscheinlich ist, denn er hatte neulich bei mir das Thema Krieg sowieso angemahnt. Allerdings hat ihn der Jubel der Befreiten anderen, kriegswilligen Sinnes werden lassen, während ich, papsttreu und un- willentlich rotgrün in einem, Kurs zu halten versuche. Dem Sturz des Öldiktator-Standbildes war das Hissen der Flagge von Gottes eigenem Land vorausgegangen, was aus der Menge mit Pfiffen quittiert wurde, erst das Hissen der eigenen Fahne von vor der Diktatur ließ Ruhe einkehren. So weit her scheint es mit der Sympathie für die Befreier also nicht zu sein. Diese sind sowieso in Gefahr, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, denn die im überseeischen Exil bereitstehenden Kandidaten für eine Nachkriegsordnung sind wenig vertrauenerweckend und das Land selbst krankt an ethnischen und religiösen Partikularinteressen wie auf dem Balkan, ohne daß eine Integrationsfigur in Sicht wäre. Eine längere Militärregierung der Besatzer aber würde von der arabischen Welt nicht hingenommen, so daß es tatsächlich nach der blutigen Umwandlung einer zumindest überschaubaren Diktatur in ein destabilisiertes Pulverfaß aussieht. Dies gab ich gestern Bruder Efeu, einem Gewaltsympathisanten, zu bedenken. "Aber dann wäre ja alles umsonst gewesen", sagte er verblüfft. "Gut beobachtet", war meine Antwort. Vor dreiundvierzig Jahren hatte Gottes eigenes Land in der Region schon einmal Schicksal gespielt. Herausgekommen war dabei die Einheitspartei des Öldiktators und schließlich er selbst. Im Vorgängerkrieg der jetzigen Ölschlacht vor zwölf Jahren war Dabljus Vater noch so besonnen, den prekären Stabilitätsgaranten im Amt zu lassen. Nun öffnet also sein Sohn die Büchse der Pandora und er wird sich über die Übel noch wundern, die entweichen. Bei einigem Kopfzerbrechen kann man jetzt schon sagen "es war alles umsonst", vom islamistischen Folgeterrorismus gar nicht zu reden. Zu Kriegsbeginn im März habe ich, in meiner Eigenschaft als Parteigänger von politisch Schwarz im Lande, noch einen beflissenen affirmativen Text geschrieben, den ich allerdings anderntags gleich widerrufen habe. Daher weiß ich, wie leicht man der normativen Kraft des Faktischen auf den Leim kriechen kann. Entscheidend für meinen sofortigen Sinneswandel war die klare Haltung des Papstes und der Kirchen, die sich, wie näheres Zusehen erweist, auch realpolitisch rechnet. Der Jubel der Befreiten in Ehren, aber umstimmen, wie den Sohn, kann er mich nicht mehr. Die lapsarische conditio humana auf Adams verfluchtem Ackerboden macht es unwahrscheinlich, daß auf diesen Jubel nicht mittelfristig ein gewaltiger Katzenjammer folgt. Die psychische Natur des Menschen ist nur im Zustand träumender Unschuld unbedenklich. Das universelle "ab ligno mors" macht sie alsbald für den Sog von Pachamamas Kult anfällig. Da ist ein saturierter Blutsäufer wie der Öldiktator immer noch ungefährlicher als ein wiedergeborenes Unschulds- lamm an der Spitze der letzten Supermacht, welches das Definitionsmonopol von Gut und Böse beansprucht, als hätte es soeben vom Baum der Erkenntnis gegessen. Das wird die Bilanz der Kollateralschäden beim Sturz des Diktators belegen. Wer die Ohren aufstellt, kann den Katzenjammer nach dem Jubel der Befreiten jetzt schon hören. Nach dem Denkmalsturz kam es nämlich zu Plünderungen, ein Vorgeschmack auf die kommende Freiheit wovon, nicht wozu. Für Letzteres bräuchte es den gesamten abendländischen Lernprozeß. Und der ist an der Peripherie nicht zu haben. Schon deshalb hinkt der Vergleich mit der erfolgreichen Hakenkreuzbewältigung. Dem Öldiktator wird man noch als Ordnungsfaktor nachtrauern. Seine Massenvernichtunqswaffen jedenfalls waren April, April. Die Aushöhlung des Völkerrechts durch die globale Leitnation beruht auf einem Aprilscherz ihrer Geheimdienste. Katzenjammer weltweit ist unvermeidlich.