Thema: Jubel

Donnerstag, 10.4.2003. Der Kreuzzug in Nahost scheint sich früher als gedacht seinem unvermeidlich siegreichen Ende zu nähern. Gestern war im Radio zu hören, daß sich die allierten Truppen bereits ungehindert im Zentrum der Fünfmillionenhauptstadt des ölreichen Schurkenstaates bewegen und daß ein überlebensgroßes Standbild des Öldiktators unter dem Jubel der Bevölkerung vom Sockel gestürzt wurde. Nachdem gestern für mich nur Basisverlauf war, ist dies das Hauptmerkmal des vergangenen Tages. Daß die Kreuzfahrer nun als Befreier figurieren, geht mich an, weil ich nach einigem Hin und Her das große Schlachten zuvor papsttreu und in rotgrünem Einklang mit meiner Frau verächtlich verdammt habe als Gotteslästerung und als blutrünstigen Ausdruck der Konstellation des Archetyps von des Teufels Großmutter im globalen Machtzentrum. Die Fernsehbilder der jubelnden Befreiten waren Balsam für die Seele des mehrheitlich kriegsfreudigen Volkes von Gottes eigenem Land und die Haltung der konservativen Oppositionsführerin im hiesigen nationalen Parlament erscheint rückblickend gerechtfertigt, da die Collateralschäden noch nicht bilanziert sind. Sogar der entschiedenste Kriegsgegner, der amtierende Spitzen-68er des Vaterlandes, ist gestern verbal einen Schritt auf Dablju zugegangen, weil nichts erfolgreicher ist als der Erfolg. Nun könnte es allerdings sein, daß der Jubel der Befreiten sich weniger auf den Sturz des Diktator-Standbildes bezog als auf das Nahen des Kriegsendes. Eine Nibelungentreue wie einst diejenige hierzulande unterm Hakenkreuz ist nicht jedem Volk gegeben, und nachdem angesichts der erdrückenden Übermacht der Kreuzfahrer ein Fortbestand des Regimes von vornherein ausgeschlossen war, ist der Jubel über das unerwartet rasche Ende mit Schrecken verständlicher, als es ein verrissenes Ausharren im Schrecken ohne Ende, wie einst im Land meiner Väter nach Stalingrad, sein würde. Der Öldiktator ist sowieso kein dämonisch-charismatischer Weltbrandstifter im Herzen des Abendlandes, sondern nur ein austauschbarer Mordbube an der Peripherie, allerdings mit potentiellem Zugriff auf zwei Drittel der weltweiten Ölreserven. Ob seine Eliminierung die zu erwartende niederschmetternde Bilanz der Kollateralschäden recht- fertigt, ist zweifelhaft, weil die arabische Welt eine aufgezwungene Demokratisierung nicht hinnehmen und weil vermutlich nichts Besseres nachkommen wird, angesichts der drei untereinander feindlichen Ethnien des ölreichen Schurkenstaates. Die hatte der areligiöse Öldiktator immerhin mit eiserner Hand zusammengehalten, während die jetzt zu erwartenden islamischen Fundamentalisten ein hohes Spaltungsrisiko mit sich bringen, Bürgerkrieg inklusive. Da weltfriedenbedrohende Massenvernichtungswaffen nicht zutagetraten, ist in meinen Augen, trotz des gestrigen Jubels der Befreiten, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg unter christlichem Vorzeichen nach wie vor eine massive Gotteslästerung, auch realpolitisch nicht geboten, und nur tiefenpsychologisch erklärbar als Konstellation des Archetyps von des Teufels Großer Mutter im globalen Machtzentrum. Bis auf den diesbezüglichen Radioschall habe ich die leeren Stunden des gestrigen Tages im nagenden Gewahrsein der Eigenkon- tingenz verbracht. Keine geringe Leistung, wenn anderswo die Leute einen Granatwerfer brauchen, um das weiße Rauschen der Wärmetod-Drift des Willens der Dinge zum Nichts zu übertönen. Sinn macht beides nicht, aber meins spart Blut und Dollars. Psychische Fakten sind die härtesten der Welt. Ich darf mir schmeicheln, daß ich sie ökonomischer zu handhaben weiß. Pachamamas Kult hängt bei mir bloß als Bild an der Wand und findet nicht unter meiner Regie für fünfundsiebzig Milliarden Dollar im Nahen Osten statt; Jubel hin oder her, eine überschaubare Diktatur in ein destabilisiertes Pulverfaß verwandelnd. Meine Frau, die Malerin des Bildes an der Wand, hofft immerhin, daß die weit überwiegend kriegsunwillige Weltmeinung den islamistischen Folgeterrorismus von den schlimmsten Exzessen abhält. Dann hätte es wenigstens einen meßbaren Sinn gehabt, daß sie für den Frieden auf die Straße gegangen ist.