Thema: Das Bild

Sonntag, 6.4.2003. Auch gestern war nur Basisverlauf, außer, daß ich mich nachmittags termingerecht und tugendhaft der großen Hygienepflicht unterzog. Anschließend taufte ich "die apokalyptischen Reiter" meiner Frau um und überklebte das Etikett mit den Worten "Blut muß fließen knüppelhageldick. Pachamamas Kult" und der Adresse jenes exotischen Schmuckladens, vom Kassenbon der Halskette meiner Tochter. Durch die Entbiblisierung des dämonischen quaternitarischen Bildes habe ich dieses gleichsam tiefenpsychologisch gezähmt, und meiner Obsession, von der Großen Mutter Pachamama während etlicher Schatteninflationen, Rech- nung getragen. Damit ist es nun endlich mein Bild, nachdem es vorher quasi nur ein Loch in der Wand war, das der Entropie Vorschub leistete. Mit dem neuen Titel kündet seine Kunst von den Risiken und Nebenwirkungen psychischer Ganzheit des natürlichen Menschen, ist also sogar ex negativo erbaulich, während es mit der alten Bezeichnung zynisch und denunziatorisch war und das leuchtendgelbe Kreuz im Bildbestand als kulturelle Chiffre für Vergänglichkeit mißbrauchte. Eine kleine semantische Drehung und schon kommt hier Kunst von künden. Daß meine Frau es künstlerisch faustdick hinter den Ohren hat, sehe ich an der vertrackten figürlich-abstrakten Bildsprache und der zwingenden Komposition, die immer wieder zum Hinschauen verführen. An das Bild habe ich mich in vielen Jahren nicht gewöhnt. Es prägt entscheidend den genius loci meiner janusköpfigen blaugelben Aufklärung zwischen Biblizismus und Agnostizismus, wie denn auch in ihm Blau und Gelb, neben dem Rotbraun der vier Rosse und dem Schwarzweiß des Faktors Schlange im Weltgetriebe, farblich die Hauptrolle spielen. Mit dem Originaltitel ist das Bild, als biblizistischer Agnostizismus, ex negativo selbst janusköpfig, im Zangengriff auf meine doppelseitige Intention; die neue Bezeichnung aber gibt dem Kreuz den affirmativen Charakter, den es im, zumindest kulturell-katholischen, Kult der helldunklen Andengöttin hat. Die Indios sind fromme Leute, bei ihren rituellen Schaukämpfen ficht das Kruzifix an vorderster Front mit. Die erste Hälfte der neuen Bezeichnung, die Verszeile eines Nazi-Liedes, reimt sich nicht nur auf Pachamamas Kult, sondern auch auf die Blut- und Boden-Möbel von meines Architektenvaters Reißbrett, die ganz entscheidend das teutsche Ambiente des 1938 gebauten Hauses unterstreichen. Diesem habe ich am Vordach der Eingangstür das Thema "Frevel und Gnade" zugeschrieben. So könnte das Bild von meiner Frau auch heißen, wenn ich ihre Intentionen vollkommen gegen den Strich bürsten würde. Die verstörende und entmutigende ästhetische Ruchlosigkeit ist nämlich bewußt gewollt und ein Ausdruck der beabsichtigten Sinnstiftung gleichsam mit dem Zufallszahlengenerator, also einer naturhaft-evolutionären Vorgehensweise. Da "Frevel und Gnade" also nicht paßt, mag denn C.G.Jung als ehrlicher Makler zwischen psychischer Natur und Christsein fungieren und neben der ontologischen Vierheit der Quaternio den Archetyp der Großen Mutter zur Deutung beisteuern, womit die sachfremde Johannes-Apokalypse aus dem Spiel ist. Die darf man sich nämlich ohne Golgatha nicht unter den Nagel reißen; und wenn dann vollends das Kreuz nur das Martergerüst eines gescheiterten Reformjuden ist, wird Blasphemie daraus. Das also hatte ich die ganze Zeit vor Augen und wußte nicht, wie mir war. Wie schon beim Familiensiegel macht eine kleine semantische Drehung aus Anmaßung ein Künden. Rechtzeitig zum Geburtstag unseres Sohnes am Karfreitag habe ich so das entropische Loch in der Wand geschlossen. Jetzt hängt da ein Kunstwerk, das mich angeht. Was man nicht versteht, darüber lohnt das Nachdenken. Christ ist man, wenn man ständig danach strebt, einer zu werden. Man kann also auch als nomineller und glaublich sogar wiedergeborener Christ wie der derzeitige Führer von Gottes eigenem Land ein natürlicher Mensch psychischer Ganzheit mit allen Risiken und Nebenwirkungen bleiben. Insofern illustriert das Bild "Pachamamas Kult" sogar aktuelles Zeitgeschehen. Der Kreuzzug im Nahen Osten geschieht nicht ad maiorem gloriam, sondern zu Ehren Pachamamas, unbekannterweise, damit die psychische Natur ihre liebe Ruhe hat. Psychische Fakten sind die härtesten der Welt. Tiefenpsychologisch ist im globalen Machtzentrum der Arche- typ von des Teufels Großmutter konstelliert. Und er will wieder einmal, daß Blut fließt, knüppelhageldick.