Thema: Wesenskonditionen

Freitag, 28.3.2003. Erst nach mehrmaligem Lesen in der Auftauphase erweist sich der jüngste Tagestext, wie schon gestern angenommen, als bedingt internetfähig und der Sohn wird ihn heute Nachmittag vielleicht zur virtuellen Veröffentlichung entgegennehmen. Seine tiefgründige Apologie des psychischen Fragments ist mir ein besonderes Anliegen, weil ich nicht erst kraft Christsein, sondern schon durch mein sekundäres Handicap psychisch fragmentarisch bin und weil das, mir deshalb unerreichbare, holistische Weltbehagen als Ausweis gelingender Existenz gilt. Das sekundäre Handicap war die existentielle Propädeutik für meine geistliche Besonnenheit, die ich nicht gegen psychische Ganzheit um den Preis potentieller Ruchlosigkeit eintauschen möchte. Ich strebe nach einer Grundlegung der göttlichen Essentifikation des Humanum, denn wann die Welt, individuell oder universell, vergeht, "so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht", wie Angelus Silesius im "Cherubinischen Wandersmann" mahnte. Die psychische Natur des Menschen ist für Immanenzbedingungen geschaffen, unter Transzendenzbedingungen könnte sich durchaus weniger als mehr herausstellen, wenn die Essentifikation des Humanum durch Gott nicht so viel von dem wegräumen muß, was die Buddhisten das Anhaften nennen. Die Essentifikation ist eine Denkfigur von Paul Tillich, welche der prinzipiellen Unwürdigkeit der Einzelwesen geschuldet ist, auf welchen purgatorischen Umwegen auch immer, das beseligende letzte Ziel der Vorsehung aus Eigenem zu erreichen. Die Katholiken meinen dasselbe, wenn sie sagen, das Kreuz sei der Durchgang zu unsagbarer Vollendung durch die Liebe, die getötet lebendig macht, die Liebe, die Gott ist. Vielleicht kann man dieser unsagbaren Vollendung hienieden wirklich ein bißchen den Boden bereiten, indem man das Anhaften minimiert und danach strebt, wesentlich zu werden. Dazu bedarf es der Einsicht in die Kontingenz von Selbst und Welt nach dem Fall, aber auch des Vertrauens in die Heilbarkeit von Kontingenz "wann die Welt vergeht", sei es individuell am Ende des Erdenlebens, sei es universell am Ende der Zeit bei erfülltem Entropiegesetz. Der Zufall, Gottes Steuermann des Weltgetriebes, wird hienieden immer wieder das Theodizeeproblem aufwerfen machen. Da ist es gegen den Theodizee-Atheismus gut, zu wissen, daß es sich unter Immanenzbedingungen grundsätzlich nicht reimt, sondern daß erst das Darüberhinaus des Grabes unter anderem auch die Lösung des providentiellen Rätsels von Gottes lenkendem Schaffen bringen wird. Ein wenig Verständnisvorsprung hat der Glaubende, der um das "ab ligno mors" von Genesis 3 weiß und darum gleich gar nicht erst nach Fülle des Seins in guter Schöpfung strebt, in dem Bewußtsein, in Wirklichkeit nur auf Adams verfluchtem Ackerboden zu leben; wenn auch Adam bloß offenbarter wahrheitsförmiger Mythos sein mag, der Gott von der Urheberschaft des Bösen und des Leides freispricht. Der Mensch hat die Schöpfung verpfuscht, nicht Gott, sagt Genesis 3. Ich will das Dogma von der Erbsünde sogar im Licht des Neodarwinismus als den symbolischen Ausdruck der allenthalben mit Händen zu greifenden lapsarischen conditio humana gerne glauben, da der Klapperstorch mich in einer Hakenkreuz-Wiege abgelegt hat und ich darum einsehe, daß alles von allem kommt und jeder an allem schuld ist. Die Fallibilität des Menschen ist nicht seinsnotwendig, wenn sie auch, bis auf Maria, eine Eintreffens- wahrscheinlichkeit von hundert Prozent hat, sagt Genesis 3 weiter. Dem setzt C.G. Jung seine gnostische Mahnung entgegen "das Böse will mitleben". Ich bekämpfe deren Sog mit dem Fürwahrhalten des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis Mariens via Frossards Theophanie-Zeugnis. Wenn auch nur einmal die Erbsünde nicht greift, kann sie nicht seinsnotwendig genannt werden. Mit einem Wort, Genesis 3 ist wasserdicht. "Ab ligno mors" gilt auch ohne paläoontologischen Mono- genismus und fällt außerhalb von Darwins Zuständigkeit. Damit ist es als unver- zichtbare Basis des Mysteriums Christi gerettet und öffnet das Herz für die Universalität des "ab ligno vita", das sonst nur den Martertod eines gescheiterten Reformjuden bemänteln würde.