Thema: Brechreiz

Sonntag, 16.3.2003. Außer einem kurzen Anruf beim Sohn zum Thema Internet und einem knapp einstündigen Abendbesuch von Bruder Efeu wegen Darlehen war gestern ebenfalls nur Basisverlauf. Da der Tagestext ein bißchen lahmte und auch das Ehetelefonat nicht zustandekam, weil meine Frau nicht zu Hause war, hatten die nackten Stunden zwischen Schreibmaschine und Radiozeit durchaus noch den Beigeschmack von Erwachenselend und ich ging der Frage nach, wie ich mich, ganz mir selbst überlassen, von innen anfühle. Ich weiß ja abstrakt, daß meine Intro- spektion schon wegen meines primären Handicaps, des kalten Blicks aus dem Off, heuristisch defizitär ist, aber im praktischen Daseinsvollzug ohne jede Ereigniskrücke hilft mir das nicht weiter. Wenn Jugend nach Shaw ein Übel ist, das sich mit jedem Tag verringert, so ist Alter ein Übel, das sich mit jedem Tag vermehrt, sagt der Blick in den Spiegel. Deshalb verzichtete ich darauf, mich termingerecht der großen Hygienepflicht zu unterziehen, um meine Entmutigung durch das Spiegelbild nicht noch zu verschärfen. Wie von Schopenhauer richtig vorhergesagt, ist meine unabgelenkte Innenseite ein Gemisch aus Sorge und Langeweile, wobei die Sorge derzeit vor allem den Problemen mit zwei lockeren sichtbaren Zähnen gilt, während mein Mangel an Gesundheitsbewußtsein sich erstaunlicherweise noch nicht in ernsthaften Gebresten niederschlägt. Von geistlicher Besonnenheit kann bei mir, im praktischen Daseinsvollzug ohne jede Ereigniskrücke, leider keine Rede sein und ich neige zu der Annahme, daß es sich bei den behaupteten Segnungen der Meditation um aufgelegten Schwindel handelt. An efferentem Weltbezug, der die Krücke bereitstellen könnte, hindert mich mein sekundäres Handicap. Mein Immobilismus dient der Schonung des seidenen Fadens, an dem die Klarheit meines Kopfes und immerhin meine sporadische geistliche Besonnenheit hängen. Meine dergestalt unbeeinflußte Befindlichkeit ist ein klassischer Fall von "ab ligno mors", von psychischem Tod als der Erbsünde Sold vom Holz des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Ich bin, zumindest willentlich und wissentlich, kein Frevler, vermag aber trotzdem nicht auf dem sanften Ruhekissen eines guten Gewissens auszurasten, weil ich weiß, daß qua Sündenfall alles von allem kommt und jeder an allem schuld ist. Der Sündenfall ist kein Ereignis in Raum und Zeit, sondern die transhistorische Qualität aller Ereignisse in Raum und Zeit. Das ist der eigentliche, nichtkreationistische Sinn von Genesis 3. Diese Einsicht in die lapsarische conditio humana ist für mich wegen meiner pseudoidyllischen Hakenkreuz-Herkunft leichter möglich, als für einen, den der Klapperstorch in einer gerechten Wiege abgelegt hat. Deshalb ist mir auch jede Form von Heilsindividualismus verwehrt. Im Gegenzug ist allerdings meine Eschatologie nichtinfernalisch, woraus meiner Meinung nach folgt, daß aus Gründen der Liebesgerechtigkeit die einen auf purgatorischen Umwegen zum letzten Ziel der Vorsehung mitausbaden müssen, was die anderen angerichtet haben. Diese Aufhebung der Vereinzelung ist unter Immanenzbedingungen nicht möglich, schon deshalb perlt der Reinkarnationsgedanke an mir ab wie Wasser. Vielleicht hat es vor Golgatha durchaus Reinkarnation gegeben, jedenfalls läßt sich das für damals noch nicht, bereits durch die exponentielle Zunahme des Menschen- geschlechts, widerlegen. Buddha mag durchaus recht gesehen haben. Doch durch die universale Erlösungstat des Heilands am Kreuz wurden die eschatologischen Folgen der lapsarischen conditio humana getilgt und der Weg für die Pilgerfahrt der unsterblichen Seele im Umgreifenden freigemacht. Nicht mehr und nicht weniger als das meint "ab ligno vita". Ich bin der Erste meiner Sippe, der die janusköpfige Devise im Schilde führt. Darum habe gerade ich kein Recht, zu murren, wenn der Blick auf die Uhr Brechreiz verursacht.