Thema: Der Fall Kübler-Ross

Freitag, 14.3.2003. Gestern lockerte ich am späten Nachmittag meine stabilitas loci benedictina ein wenig und rückte aus zum bodenständigen Stammlokal und dann zur Knacks-Klause, um dort ein von der Ex-Freundin hinterlegtes neues Buch von Elisabeth Kübler-Ross in Augenschein zu nehmen, ein Interview-Buch. Ich war schwer enttäuscht. Die Befragte geht, nach ihrer frühen Pioniertat, die Türspalt- Metaphysik der Nahtoderfahrung angestoßen zu haben, esoterische, spiritistische, okkultistische und anthroposophische Wege, die aus dem Türspalt ein offenes Scheunentor machen; und ist als seriöse Wissenschaftlerin nicht mehr ernstzunehmen. So reimt sich ihre im Brustton der Überzeugung vorgetragene Reinkarnationshypothese nicht mit der transzendenz- unmittelbar gesetzten Einzigartigkeit des Selbst und der exponentiellen Zunahme des Menschengeschlechts. Nachdem ich hineingeschnuppert hatte, gab ich das Buch gleich zurück. Wieder eine Ikone weniger, würde meine Frau sagen. In diesen Blättern habe ich den Namen der Thanatologin bisher als erste Adresse gehandelt, das tut mir jetzt leid, ich bin gar nicht mehr meiner Meinung. Zwar ist ihre Eschatologie, gleich der meinen, nichtinfernalisch, doch sie ignoriert die universale Erlösungstat des Heilands am Kreuz und verlegt die purgatorischen Umwege zum letzten Ziel der Vorsehung in eine tausendfach reinkarnatorische Immanenz, in eine buddhistische Selbsterlösung mit umgekehrtem Vorzeichen. Wie die verstörenden unter den Nahtoderfahrungen bezeugen, ist aber der Ort dieser Umwege das Umgreifende, in dem Raum genug ist für alle Gewesenen, Jetzigen und Kommenden ohne Preisgabe der Einzigartigkeit des Selbst, während eine systematische Reinkarnation schon mit der globalen Bevölkerungsstatistik in Konflikt gerät. Vermutlich hat das synkretistische geistige Klima der Westküste von Gottes eigenem Land die Thanatologin dazu bewogen, ihren berühmten Namen in die anthroposophische Waagschale zu legen. Daß, dem Buch zufolge, auch Goethe glaubte, schon tausendmal dagewesen zu sein und noch tausendmal wiederzukehren, erstaunt mich nicht; allzu lecker schmeckte die grüne Soße am Frauenplan in Weimar, und außerdem war ihm das Kreuz nur ein Martergerüst, ein Ärgernis und eine Torheit. Unter den Anthroposophen versucht hierzulande die Christengemeinschaft, das Kreuz mit der Reinkarnation zu reimen. Das ist nur möglich, wenn man Genesis 3 unter den Tisch fallen läßt und damit das Mysterium Christi antastet. Die eschatologischen Konsequenzen des universellen Karmas der lapsarischen conditio humana, also etwa ein Zwang zu ständigem reinkarnatorischen Mehrvondemselben zu Lernzwecken, konnten nur durch Jesu Christi universale Erlösungstat am Kreuz getilgt werden. Ohne den Faktor Gnade ist alle Eschatologie eine Spottgeburt des Gehirns. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Wie infantil die westliche optimistische Variante des Reinkarnationsgedankens ist, zeigt der letzte Ernst, mit dem Hindus und Buddhisten das Thema behandeln. An ihm, dem Original, muß sich Christsein messen lassen, nicht an den Verballhornungen der westlichen Mittelklasse. Alles in allem legte ich das Buch gestern mit Brechreiz aus der Hand, bei mir ein sicheres Zeichen dafür, auf double-bind gestoßen zu sein. Strukturlügen enthalten immer eine halbe Wahrheit. Um dieser Hälfte willen habe ich den Namen der Schweizer Psychiaterin im Exil bisher hochgehalten. Nun lasse ich, wie einst Mose, die Arme sinken. Es tut mir leid, der Stuß an ihrer Weisheit überwiegt.