Thema: Selbsterlösung

Donnerstag, 13.3.2003. "Erlöster müßten sie aussehen", spottete Nietzsche über die Christen. In der Tat ist auch mir der Blick auf erlöstes Leben unter Immanenzbedingungen versperrt, während der psychische Tod als der Erbsünde Sold allenthalben auf der Hand liegt. Zwar ist das Holz des Kreuzesstamms von Golgatha der Durchgang zu unsagbarer Vollendung durch die Liebe, die getötet lebendig macht, die Liebe die Gott ist; doch man sieht es seinen Bekennern nicht an. Gesagt ist damit allerdings nur, daß der psychische Tod sich im Darüberhinaus des Grabes nicht fortsetzt, weil die universale Erlösungstat Jesu Christi am Kreuz die eschatologischen Konsequenzen der lapsarischen conditio humana getilgt hat. Beim Übergang der unsterblichen Seele in die Transzendenz werden die Karten neu gemischt, und meine aus guten Gründen nichtinfernalische Eschatologie läßt mich hoffen, daß, auf welchen purgatorischen Umwegen auch immer, das letzte Ziel der Vorsehung, Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, für alle erreichbar ist. Aufgrund der lapsarischen conditio humana müssen alle Wege der Selbsterlösung, auch der buddhistische, scheitern. Darum habe ich die Dünkel-Parole meines Familiensiegels durch die geistliche Devise ersetzt, deren zweite Hälfte "ab ligno vita" Erlösung im obigen Sinne meint, aber nicht konkretistisch als existentielle Qualität zu irdischen Lebzeiten verstanden werden darf, weshalb Nietzsches Spott das Thema verfehlt. Mutmaßlich ist die Heraldik meines Familiensiegels, mindestens aber die originale Devise, erst zu Nietzsches Lebzeiten entstanden und besagt klar einen Anspruch auf Selbsterlösung von den Konsequenzen der lapsarischen conditio humana schon im Erdendasein. Nietzsches Diktum "Brüder, bleibt der Erde treu" erklingt aus dem Off meines Ahnentotems. Nun haben leider das Hakenkreuz sowie Hammer und Sichel gezeigt, wohin es Treue zur Erde bringen kann, und neben Hegel und Marx auch Nietzsche ad absurdum geführt. Deshalb ist mein Familiensiegel, in originaler Wort-Bild-Kombination, nach Auschwitz eine einzige große Peinlichkeit und ich habe mich lebenslang seiner geschämt, ohne zu wissen warum. Wegen der uranfänglichen Strukturlüge bei seiner Entstehung glaubte sich mein Vater kraft uralter Herkunft berufen, die Dinge im Sinne der zeitgeschichtlichen Vorgaben zu bezähmen, denn die originale Devise “moderata durant" fordert gebieterisch zum Handeln auf, nach dem Motto "Hauptsache es klappt, egal was". Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, konnte man sich unter diesem Vorzeichen als Lohn ein Paradies ohne Sündenfall erwarten. Das Siegel paßte zum Hakenkreuz wie der Schlüssel zum Schloß. Mit dieser Erbschaft hatte mein Vater gar keine Chance, durchzublicken. Görings "goldene Ährenfelder für euch alle" mußten ihm wie die Erfüllung seiner Bestimmung von altersher vorkommen. "Blut, das Erde erkennt" hatte seine Tante, die Dichterin Lulu von Strauß und Torney, lange vorm Hakenkreuz beschworen und ihm antisemitische Jugenderinnerungen ans Herz gelegt. Pfui Deibel sage ich zu dem allen heute, aber bis ich so weit war, mußte ich mir erst einmal ahnentreu das Hirn verbrennen. Mit meiner neuen Devise mahnt das Symbol nicht mehr zum blinden Handeln, sondern zum aufgeklärten Dulden und letzten Hoffen. Das ist eine Altmännerweisheit und ich kann nicht erwarten, daß mein Sohn, der neue Siegelbewahrer, da mitzieht. Gerne würde ich das kostbare Ausgangspetschafteals zentrales Insignum prekärer Anciennitäte ins genealogische Abseits bugsieren und es dem Töchterchen überlassen, aber das Ding habe ich bereits dem Filius übereignet und er leitet daraus das Recht ab, mit der alten Devise weiterzumachen. Selbsterlösung ist eine Falle, in die auch nach Auschwitz noch die meisten hineintappen. Einsicht in Erlösung durch den Heiland braucht Demut, und die ist eine Tugend des Alters. Jugend ist ein Übel, das sich mit jedem Tag verringert, sagte Shaw. Das läßt hoffen.