Thema: Blick ins Netz

Montag, 10.3.2003. Gestern traten Bruder Efeu und seine Holde zum Frühjahrsputz des Hauses an und später traf überraschend auf ein Bier Bruder Pius von auswärts ein. Ich hatte zuvor sein Mädchenantlitz an die Wand gehängt, und da er altersmild und zugewandt wirkte und außerdem mit Herzproblemen auf der Intensivstation gelegen hatte, nahm ich ihn nach dem Abschied wieder in das Licht- und Glut- Programm von Eli Einsiedel auf und ließ auch sein Bild gleich hängen. Das Zentrum des gut vierstündigen afferenten Weltbezugs war aber ein kurzer Besuch meines Sohnes mit Laptop, der mir meine Website mit dem neu aufgenommenen Familiensiegel zeigen und auch der Entgegennahme des jüngsten Tagestextes, wie- der zum Siegel, dienen sollte. Die reformierte Wort-Bild-Kombination des Ahnentotems vor den Augen der virtuellen Öffentlichkeit wirkt sehr edel und zeugt wie selbstverständlich von uraltem Herkommen des Homepage-Eigners, dessen Foto weiter oben mehr sagt, als tausend Worte. Mit der originalen Dünkel-Devise wäre das Siegel eine anmaßende Peinlichkeit, mit der katholischen Denkfigur aber ist es eine allgemeingültige strukturelle Aussage mit geistlichem Tiefgang in Wort und Bild. Die beiden Texte dazu, auf die ein beigefügter Vermerk verweist, sind eine spannende Paraphrase zu der doch sehr kryptischen Symbolik und wirken vor- beugend gegen den Verdacht auf elitären Ahnenstolz. Ein unvoreingenommener Betrachter kann jetzt über den Lebenslauf hinaus vermuten, daß ich einer wirklich guten alten Familie entstamme und schon kraft Herkunft etwas zu sagen habe. So ist es zwar leider nicht, und das käme auch mit der Originalversion des Symbols, für die ich mich lebenslang geschämt habe, deutlich zum Ausdruck, aber ich nehme ja durch die Reform der Devise die bisherigen verblendeten Siegelbewahrer mit ins Boot und mache aus ihrem Dünkel rückwirkend das Beste. Der Kulturkampf in der Gründerzeit, in der das Siegel mutmaßlich erst entstanden ist, hätte im protestantischen Norden meiner Vorväter die katholische Denkfigur unmöglich gemacht; durch die neue geistliche Devise aber wird die Vermutung auf wirklich ehrwürdige Anciennität begründet. Schade nur, daß der Sohn, wiewohl Konvertit, nicht mit- ziehen will. Ihn blendet die Kostbarkeit des Petschafts. Zum Glück ist die Siegel- Gravur auf meinem silbernen Taufbecher, den ich ihm ebenfalls geschenkt habe, ohne Devise, so daß man nachträglich die katholische Denkfigur hinzufügen und für etwaige Enkel ein neues zentrales Insignium wirklich ehrwürdiger Anciennität schaffen könnte. Das liegt allerdings nicht mehr in meiner Hand. Ich kann nur hoffen, daß meine Argumentation Kommende überzeugt und sie dem Becher, der immerhin die Wahl läßt, vor dem Petschaft den Vorzug geben. Vorerst sind beide Prunkstücke im Tresor, dessen Zahlenkombination nur der Sohn kennt, so daß ich gar nicht bei Nacht und Nebel Fakten schaffen könnte, selbst wenn ich wollte. Der Becher ist zwar nur eine Nazi-Remineszenz und sagt, daß mein Vater sich kraft uralter Herkunft berufen fühlte, die Dinge im Sinne der zeitgeschichtlichen Vorgaben zu bezähmen, wozu der Täufling später seinen Beitrag leisten sollte; aber ich kann das ja im reifen Alter noch umbiegen und könnte beispielsweise testamentarisch verfügen, daß die neue Devise dem Becher eingraviert wird, um ihn unschuldig zu machen. Bisher sind jedenfalls die zwei Fetische im Tresor nur eine einzige große Peinlichkeit. Umso befreiender darum gestern der Blick ins Internet, der mir zeigte, daß ich mich meines Erbes nicht länger zu schämen brauche. Vor den Augen der virtuellen Öffentlichkeit sind damit in meiner Brust die Nachwehen des Kulturkampfs ausgestanden und ich bin endlich ein vollgültiges Landeskind meiner engeren Heimat qua Klapperstorch. "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen." Leichter gesagt als getan, Herr Geheimrat.