Thema: Der Dolmetsch

Samstag, 9.2.2008. Der Sprachlogiker Wittgenstein schrieb, die Welt sei alles, was der Fall ist. Und der Mystiker Wittgenstein sagte auf dieser Basis, das Leben sei die Hölle. Nun ist aber die Ewigkeit, das Fluidum Gottes, auch der Fall und doch nicht die Welt. Wegen dieser Ausflucht ins Danach ist das Leben doch nicht wirklich die Hölle, weil das Volk Hiob sagen kann “ich weiß, daß mein Erlöser lebt.” Das bedeutet eine Umwertung aller Werte: Abkehr von hysterischer Gesundheitsbeflissenheit und Reform der Trauerkultur zu besonnenem Abschiednehmen auf Zeit mit Seelsorge für die Entschlafenen. Es gibt für geistliche Besonnenheit nichts Wichtigeres zu tun. Die eigene seelische Wohlfahrt hängt davon ab. Wer hassend stirbt, stirbt in Heilsaufschub hinein. Loslassen, dann geht´s schon. Das bißchen Welt ist nicht die Welt. Wer dies im Sinn hat, kann Gottmißtrauen vermeiden. Daß Gnade werde! Aller Haß ist auch Selbsthaß. Davon weiß ich ein Liedlein zu singen. Die islamistischen Selbstmordattentäter zur Ehre Gottes zeigen, daß Suizid ebenfalls gegen das fünfte Gebot verstößt und eine schwere metaphysische Hypothek aufbürdet. Es gilt somit, bei Weltschmerz nach Römer 12,2 wertherschen Selbstmord zu unterlassen und sich in der Hölle des Erdenlebens an der natürlichen Ausflucht ins Danach zu orientieren, denn willentlich herbeigeführt verkehrt sie sich zunächst in ihr Gegenteil. “Sage Gott ab und stirb”, rät Hiobs Weib. “Ich weiß, daß mein Erlöser lebt”, lautet die Antwort. Die Schöpfung ist kontingent, die Ewigkeit ist absolut. Der Schöpfung darf man mißtrauen, der Ewigkeit nicht. Angelus Silesius bringt den Unterschied mit folgendem Zweizeiler auf den Begriff: “Mensch, werde wesentlich denn wann die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.” Die statistische Welteigengesetzlichkeit auf dem Mittelweg zwischen Determinismus und Indeterminismus wird also im Danach ersetzt durch Gottes Schicksalsgerechtigkeit in Allmacht, Wesen genannt. Wesentlich werden, heißt, im Exil die Heimkehr vorwegzufühlen. Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ihre Aureole, ihr nur flüchtig und transitorisch auf einen weltgeschichtlichen Wimpernschlag zugehörig. Seine eigentliche Destination ist die Transzendenz. Wer das billige Jenseitsvertröstung nennt, verkennt die metaphysischen Proportionen. Die Welt ist nicht alles, was der Fall ist. Das wäre kosmologischer Monismus, der vom Kontingenzbeweis falsifiziert ist. Zwischen Urknall und Gravitationskollaps ist zugegebenermaßen genug Platz für diesen Irrtum, aber metaphysich scheitert er an den zwei Toren der Zeit, welche die umgreifende Ewigkeit denknotwendig machen. Aus Gottes Hand in Gottes Hand mit anderen Worten. Außer Wittgenstein haben etwa auch Buddha, Schopenhauer, Giordano Bruno und Marx samt Risiken und Nebenwirkungen geistesgeschichtlich einflußreich solchermaßen falsch eingefädelt. Deshalb muß man heute immer noch für den Kontingenzbeweis, der sie widerlegt, das astrophysikalische kleine Einmaleins herbeten. Sie fingen mit dem falschen Knopf an und kamen mit dem Zuknöpfen nicht zurande. Für die Einschätzung einer Weltanschauung genügt der Blick auf ihre Prämisse und auf ihre Eschatologie. Die eisenzeitliche Prämisse des Alten Testaments ist mit neuzeitlichem Kenntnisstand kompatibel, der große Rest ist es nicht. So blamiert sich beispielsweise der Sprachlogiker Wittgenstein schon im Vorwort seines berühmten Büchleins bis auf die Knochen, wo er für seine Gedanken die unantastbare und definitive Wahrheit in Anspruch nimmt und die Meinung äußert, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Popper hat in “Logik der Forschung” solcherlei Hybris in die Schranken gewiesen. Wäre nicht schon Wittgensteins Freund Bertrand Russell mit seinem Buch “Warum ich kein Christ bin” der dumme August der Philosophiegeschichte, der als hervorragender Fachmann seine Kompetenzen überschreitet, dann gebührte dieser Titel dem Primus der Wiener Schule. Ein buddhistisch angehauchter Philosophieprofessor aus meiner Bekanntschaft, der ihm nacheifert, nennt Popper einen “alten Simpel”, vermutlich, weil dessen Prämisse “die Wahrheit ist objektiv und absolut” sich bei allem Agnostizismus auf den Wahrheitsbegriff Jesu im Johannesevangelium reimt. So simpel wie das Mysterium Christi darf ein ordentlicher Philosophieprofessor nun einmal nicht denken. Da sind buddhistische Denkverbote schon besser. “Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen”, heißt es darum gut buddhistisch am Schluß von Wittgensteins Kultbuch. Übrigens lautet Poppers Eschatologie “die Zukunft ist offen”. Auch das reimt sich auf Christsein mit seiner Erwartung eines koscheren Danach über den Gravitationskollaps hinaus in Gottes Hand, in seinem Fluidum, der Ewigkeit. Es hat einen Anfang gegeben aus Gottes Hand und es gibt ein offenes Ende in Gottes Hand. Wer so viel von der Bibel weiß, weiß fürs Erste genug. Sie ist nicht verbalinspiriert, auch nicht realinspiriert, ja nichteinmal personalinspiriert, sondern nur Menschenwort, durch das hindurch Gott mit den Menschen handelt, allein darauf beruht ihre Autorität. Darum Vorsicht mit Biblizismus. Augstein hat sich in der Bibel den Atheismus angelesen, weil er spätantiken nicht mit neuzeitlichem Kenntnisstand verrechnen konnte. Es fehlte ihm am Dolmetsch. Das Vorstehende ist ein Versuch, im Geist der Bibel Gegenwartsprobleme zu dolmetschen. Für wen es gelungen ist, der mag sich getrost an die Bibellektüre heranwagen. Es gibt darin genügend Herznahrung herauszufischen, besonders in der Fastenzeit. Petri Heil !