Thema: Das Ding

Sonntag, 9.3.2003. Mein Sohn, der gestern mit seiner Mutter vom Flohmarkt zu Besuch kam, um den jüngsten Tagestext zum Familiensiegel fürs Internet abzuholen, will für seine Person ahnentreu an der originalen Dünkel-Devise des Siegels fest- halten. Nun ist es allerdings mit der Anciennität des Symbols möglicherweise gar nicht so weit her und es könnte sich unser Dissens als viel tragikomischer Lärm um nichts erweisen. Der Großvater meines Großvaters Freidenker schenkte diesem das kostbare Petschaft mit dem Hinweis, das Siegel stamme aus alter Zeit. Darauf fußte dessen spätere Ahnenforschung, die beim Dreißigjährigen Krieg endete und auf eine Feld-, Wald- und Wiesenherkunft der Familie schließen ließ; von heraldischer Dignität keine Spur. Der Ururgroßvater hat also vermutlich seinen Enkel angelogen und das Siegel in der Gründerzeit selbst begründet. Die Ummauerung des Gartens Eden in der Heraldik reimt sich auf seine Berufstätigkeit als Oberdeichgraf an der Nordseeküste, und der Reichsapfel im oberen Feld verweist auf das junge Kaiserreich der Gründerzeit. Durch seinen Deichbau wurden die Dinge allemal bezähmt und hatten Bestand, "moderata durant" also. Ich neige immer mehr dazu, zu glauben, daß die Ahnentreue meines Sohnes nicht weiter reicht als bis ins späte neunzehnte Jahrhundert. Da ist es wahrlich kein Sakrileg, die originale Devise durch eine sinnstiftende Denkfigur zu ersetzen, die der anspruchsvollen biblischen Symbolik besser Rechnung trägt. Der Dünkel meiner Herkunftsfamilie väterlicherseits dürfte auf einer uranfänglichen Strukturlüge basieren, die im Wort-Bild-Bestand des gezinkten Ahnentotems fortlebte und dieses spätestens unterm Hakenkreuz radioaktiv machte, als mein Vater glaubte, kraft uralter Herkunft zum Be- zähmen der Dinge im Sinne der zeitgeschichtlichen Vorgaben berufen zu sein. Sein überlebender älterer Bruder hat im Ruhestand die Familiengeschichte zusammen- getragen. Nichts daran rechtfertigt Ahnenstolz. Eine kurze Blüte in der Gründerzeit, in der drei Generationen in die Oberschicht von Besitz und Bildung aufrückten, ist schon alles. Noch meine Frau wurde durch die Siegelringe meiner Cousinen in die Schranken von Krethi und Plethi verwiesen und war stolz, in eine so vornehme Familie einheiraten zu dürfen. Unter den drei Söhnen meines Großvaters Freidenker hatte mein Vater das kostbare Petschaft als zentrales Insignium dieser Vornehmheit von seiner verwitweten Mutter übertragen bekommen, wohl, weil ich als der älteste männliche Nachkomme der nächsten Generation schon auf der Welt war. Der radioaktive Klunker zielte also bereits von der Wiege an auf mich und mit dem Soldatentod meines Vaters wurde ich in der ödipalen Phase meiner Biographie zu seinem Eigentümer. Jetzt gehört das Ding meinem Sohn. Seine Entmythologisierung durch mein schriftliches Tun beeindruckt diesen nicht, er will das Siegel mit der originalen Devise einsetzen. Mir ist das inzwischen wurscht, denn mit einer Anciennität aus dem späten neunzehnten Jahrhundert ist sowieso nur Tragikomödie begründet, dafür lohnt es sich nicht, zu streiten. Ich hätte nichts dagegen, wenn der Filius das verlogene Ding auf den Flohmarkt brächte und sich dafür Kamerazubehör kaufen würde. Was zählt, ist die Heraldik als Schloß für den Schlüssel der reformierten Devise. Dafür braucht es nur ein Kopiergerät, nicht Siegellack. Mögen die Enkel wählen. Mit Vatersohnschaft war es schon beim Siegelspender und meinem Urgroßvater nicht weit her. Jener wandte sich an den Enkel, um seine Pseudo-Tradition zu begründen. Wahrscheinlich wußte der Sohn zuviel über ihn. Ich hoffe nur, daß es mir schließlich gelingt, dem Spuk in meiner Brust den Garaus zu machen.