Thema: Ahnenerbe

Samstag, 8.3.2003. Seit gestern schon ist das Familiensiegel mit reformierter Devise im Internet, wie mir der Sohn abends telefonisch mitteilte. Ich bekenne mich damit vor der virtuellen Öffentlichkeit zu meiner freidenkenden Herkunftsfamilie väterlicherseits und zum Mysterium Christi gleichermaßen. Mit der früheren Freidenker-Devise war die Heraldik eine einzige große psychopathogene Strukturlüge, die obendrein die Dignität alten Herkommens beanspruchte. Jetzt dagegen paraphrasiert sie punktgenau die Brückenköpfe des heilsgeschichtlichen Regenbogens der Bibel zwischen Genesis 3 und Römer 8, 38-39, wie sie in der katholischen Denkfigur der neuen Devise codiert zum Ausdruck kommen. Das double-bind der früheren Wort-Bild-Kombination hatte mich seinerzeit erstmals in die große Verwahranstalt am östlichen Stadtrand geführt. In der inzwischen renovierten Anstaltskirche fand ich dann die rettende Denkfigur, die zu der prekären Heraldik paßt wie der Schlüssel zum Schloß. Viel psychisches Leid ist für mich mit dem Siegel verbunden, das schon bei meinem ahnungslosen Vater der Hakenkreuzverstrickung Vorschub geleistet hatte. Darum habe ich die Substrate, das kostbare Petschaft und meinen gravierten Taufbecher, schon meinem unbelasteten Sohn übereignet, und wollte für den Rest des Lebens damit nichts mehr zu tun haben. Jetzt hat mich das radioaktive Symbol also wieder eingeholt, weil der Filius vermutlich gern ein bißchen ahnenstolz sein möchte und dessen virtuelle Veröffentlichung angeregt hat, um eine Leerstelle auf der erweiterten Starter-Seite meiner Homepage zu füllen. Nun kann jeder, der meine Website anklickt, feststellen, daß ich den Garten Eden samt Reichsapfel mit Kreuz im Schilde führe und den Baum der Erkenntnis in der Helmzier- trage. Nur, daß es dazu eben nicht mehr heißt "moderata durant", son- dern "ab ligno mors ab ligno vita". Die Chiffre bedeutet ungefähr "vom Holz des Baums der Erkenntnis der psychische Tod als der Sünde Sold, vom Holz des Kreuzesstamms von Golgatha das erlöste Leben". Die alte Devise dagegen hieß etwa "die bezähmten Dinge haben Bestand" und suggerierte ein Paradies ohne Sündenfall. Diese Hybris zog sich durch die gesamte Keimbahn des Siegels, angeblich aus alter Zeit, bis heute, wo erstmals in geistlicher Besonnenheit mit ihr gebrochen wird. Zu Ahnenstolz besteht also kein Anlaß. Vermutlich haben sich meine Vorfahren in der Reformationszeit von einem gleichnamigen Grafengeschlecht oben auf der Landkarte protestantisch abgesparten, bürgerlich weitergemacht und das auf Humanismus zielende Familiensiegel begründet. Mein Großvater Freidenker trieb deswegen Ahnenforschung, landete aber ergebnislos bei einem freien Bauern, der im Dreißigjährigen Krieg Gevatter stand und so ins Kirchenbuch gelangte. Dieses kümmerliche Resultat hinderte die drei Söhne des früh verstorbenen Freidenkers nicht an einem gewaltigen Dünkel, den ich als Kriegerhalbwaise und Erbe der zentralen Insignien auszubaden hatte. Das double-bind der radioaktiven Wort-Bild-Kombination tat ein übriges und so wurde mir das vermaledeite Unding zur Falle, bis ich es jetzt so weit entschärfen konnte, daß es ohne Erröten vorzeigbar ist. Mein Sohn trägt die Reform der Devise mit, als einziger männlicher Nachkomme der nächsten Generation ist er der neue Siegel- bewahrer. Damit ist die Katholisierung des Symbols beschlossene Sache. Gerne zeige ich es trotzdem nicht her, es hat mir allzuviel angetan. Mag es immerhin gelten als entdünkeltes Zeichen überwundener Verblendung.