Thema: Frohes Beileid

Montag, 12.2.2001. Die Nachricht von einem Sterben natürlichen Todes in gesegnetem Alter, in Frieden mit Gott und mit den Menschen, ist vielleicht die kostbarste Kunde, die man überhaupt hinterlassen kann. Sie setzt ja voraus, daß man seine Tage nicht gelebt hat wie ein Geschwätz, und sich nicht ins Nichts hinein verabschiedete. Ein derart geformter Sprung ins große Vielleicht unterscheidet sich vom gewöhnlichen Hineinplumpsen durch eine lebenslange Ausrichtung auf das, was letztlich zählt. Es zählt nämlich nicht, was im Brockhaus landet, oder den lachenden Erben zuteil wird, sondern die Transzendierung der gottgegebenen Einzigartigkeit des Selbst auf Ewigkeit hin, also das, was man zollfrei über die Grenze mit- nehmen kann. Eine Todesanzeige mit den obigen Merkmalen ist deshalb so kostbar, weil sie diese Wahrheit impliziert, aber den Leser nicht religiös bevormundet, vom einsilbigen Vierbuchstabenwort für den Grund des Seins abgesehen, das nur den bekennenden Atheismus in Rage bringt. Als meine Mutter vor achtundzwanzig Jahren jäh aus dem Leben gerissen wurde, hatte ich noch nicht genug Christsein angespart, um dem seinskundlichen Nobelpreisabraum Paroli bieten zu können. Folglich lautete die Zeitungsannonce “sie läßt uns in verzweifelter Trauer zurück”. Das reut mich heute noch mehr als eine fünfzehnjährige Mitgliedschaft bei der politischen Partei wechselwarmen Blutes, bei der ich mich nur zum Narren machte, während die Trauerbotschaft ontologisch ans Eingemachte geht. Ich wollte, ich hätte schon damals über ein bißchen geistliche Besonnenheit verfügt, was ja schon ausreicht, um Verzweiflung in einen heilsgeschichtlichen Rahmen zu stellen. Der Anblick der heilsindi- vidualistischen Numeninhaber auf der anderen Seite hat das aber unmöglich gemacht. Heute also liegt bei mir im Postkasten eine schwarzgerandete Nachricht mit dem eingangs skizierten Text, betreffend eine Jugendfreundin meiner Mutter. Ich betrachte das als eine stellvertretende Absolution von meiner damaligen Gottvergessenheit. Daß ich einst den Verfassern meiner Todesanzeige Anlaß zu solcher Souveränität gegeben haben möge, wünsche ich mir von Herzen.