Thema: Die Meisenfrage

Samstag, 1.3.2003. Gestern war außer zwei Postanrufen von Bruder Efeu nur Basisverlauf. Ich saß bei Sonnenschein im Garten und betrachtete das Vabanque-Spiel der winterlich hungernden Meisen, ohne mit einem Meisenknödel evolutionswidrig rettend einzugreifen. Dabei erinnerte ich mich, seinerzeit im Irseer Entwurf des neuen Parteiprogramms von politisch Rot gelesen zu haben, wir Menschen seien Produkte der Evolution und müßten darum ökologisch denken; worauf ich aus der Partei austrat. Es ist nämlich nur der somatische Unterbau der kentaurischen Menschennatur ein Produkt der, übrigens göttlich initiierten, von Ewigkeit vorhergewußten und im Detail zugelassenen Evolution, also cum grano salis Schöpfung, während dasmenschliche Proprium die transzendenzunmittelbar gesetzte Einzigartigkeit des Selbst ist, welche die Grundlage der Gesetze und der Rechtsprechung bildet und ohne die nichteinmal das Personenstandswesen funktionieren würde. Wer sagt, wir seien Produkte der Evolution, springt aufklärerisch zu kurz, wie gut gemeint auch immer. Bewußtsein aus Materie ist noch nicht bewiesen, trotz aller Bemühungen der Nobelpreiskultur. So lange das nicht der Fall ist, halte ich am Christsein, wenn auch in Vereinzelung, fest und nehme das Kreuz radikal ernst. Es ist der Durchgang zu unsagbarer Vollendung durch die Liebe, die getötet lebendig macht, die Liebe die Gott ist. Wenn man das Kreuz politisch unterschlägt, bringt man die Menschen um die Bestimmung ihrer Gottesebenbildlichkeit, die nicht wörtlich zu nehmen sondern als gemeinsames unverfügbares Personsein zu verstehen ist und sich aus der Einzigartigkeit des Selbst ergibt. Darum habe ich die Lager gewechselt. Meine rotgrüne Frau hält mich darob für einen Renegaten, der sich um hundertachtzig Grad gedreht hat. Aber das Parteibuch, das ich seinerzeit zurückgab, enthielt das Godesberger Programm, welches die unbequeme Partnerschaft zwischen Christentum und Demokratischem Sozialismus beschwor. Meine Option war Christsein in der Arbeiterbewegung. Nicht ich habe mich gedreht, sondern das Kompaßgehäuse. Meine Magnetnadel hatte unverwandt auf das Mysterium Christi gezeigt. Das C im Parteinamen von politisch Schwarz, welches ich inzwischen favorisiere, macht nicht mit Christus Politik wie der Klerikalfaschismus, denn das hieße, ihn zum zweiten Mal zu kreuzigen; jedoch mit dem christlichen Menschenbild, wie es sich in Einklang befindet mit den Ergebnissen einer rechtverstandenen Aufklärung, und darum das Kreuz nicht unterschlägt. Es ist schade, daß die Kreationisten auf die kirchenväterlichen Qualitäten Darwins verzichten und mein Christsein dadurch in die Vereinzelung drängen. Bei manchem schöpfungsbezogenen Wort zum Sonntag im Radio sträuben sich mir die Nackenhaare, weil der Redner die Sache Jesu durch täppischen Glaubenseifer kompromittiert, den heute schon ein Schulkind als Ammenmärchen durchschauen kann. Die kreationistische Strukturlüge und die atheistische Strukturlüge halten sich die Waage und verhindern gemeinsam einen geistlichen Erkenntnisfortschritt. Da der double-bind-Ausübende aber ein Muster an subjektiver Wohlmeinenheit ist und gar kein Unrechtsbewußtsein haben kann, ist in dieser Patt-Situation kein Ende abzusehen. Der präsumtive Schwiegervater meiner Tochter baut im Ruhestand Meisenkästen, von denen einer hier im Garten seine Bestimmung vorbildlich erfüllt. M e i n Ruhestandsbeitrag zur Meisenfrage ist nur ein Feuerchen aus Buchstabenreisig, denn all das Vorstehende ging mir gestern durch den Kopf, als die hungernden Meisen das Problem aufwarfen, ob sie Geschöpfe, oder Produkte der Evolution seien. Meine Antwort lautet: Mit einem Körnchen Salz verstanden sind sie Mitgeschöpfe, also aus Gottes Hand, und mit dem Meisenkasten hat es seine Richtigkeit. Weil ich aber auf Darwins attisches Salz nicht verzichten kann, enthalte ich ihnen den Meisenknödel dennoch vor.