Thema: Umkehr

Freitag, 28.2.2003. Bruder Efeu hat nur mich, so sagte er gestern am Telefon. Er habe nämlich mit seinem Vater gebrochen, weil der ihm unter dem Einfluß der Lebensgefährtin die postalische Anmeldung an seiner Adresse verweigerte. Wegen meines Handicaps Bergpredigt wächst mir dadurch eine quasi väterliche Verantwortung für den Freund des Hauses zu und der angestrebte offene Bruch rückt in weite Ferne. Sogar eine Neuauflage meiner Herbergsväterlichkeit im Ernstfall ist nicht mehr ausgeschlossen. Mein Christsein in Vereinzelung trägt nicht nur patho- logische Züge, sondern fruchtet auch manchmal durchaus lebenspraktisch. Ich habe Bruder Efeu in diesen Blättern schriftlich den Prozeß gemacht mit dem Endurteil Strukturlüge. Doch der gestrige Anruf war von anderer Qualität und hinterließ nicht den Nachgeschmack von strukturellem Beschiß wie üblich. Der verpflichtende heuristische Adel meiner geistlichen Besonnenheit zwingt mich nun zu einer Kurskorrektur in Richtung väterlicher Freund des schillernden griechischen Afterphilosophen. Umkehr ist eine genuin christliche Kategorie, ich brauche mich keiner In- konsequenz zu schämen; von den praktischen Vorteilen der Symbiose, wie Schneeräumen, Hausputz und Rasenmähen, gar nicht zu reden. Der Holden des Nepoten kommt zwar die stille Größe edler Einfalt zu, aber schon von den Jahren her ist sie als ernsthafte Gesprächspartnerin für ihn Fehlanzeige, während ich etwa mit meiner holden Gebieterin über alles reden kann, Takt vorausgesetzt. Der eigene Sohn ist weit davon entfernt, zu sagen "ich habe nur dich" obwohl es auch mit s e i n e m Freundeskreis ein bißchen hapert. Ich habe den Eindruck, daß er es mir zeigen will und mich aufspart für den Zeitpunkt, wo er es geschafft hat, indes die Mama für eine Symbiose im Hier und Jetzt zur Verfügung steht. Ich achte sorgfältig darauf, daß sich unsere Internet-Partnerschaft für ihn rechnet, weil er im Gegensatz zu mir mit Geld etwas anfangen kann und der Volkswirtschaft nicht wie ich als Konsumverweigerer zu Last wird. Übrigens auch als Bruder Efeus väterlicher Freund werde ich mich hüten, diesem philosophierend in die Quere zu kommen, für den Sohn jedoch ist mein Arbeitsbereich Theologie der Grenze ein lebendiges Sachgebiet, schon wegen seines unvollendeten Philosophiestudiums an der Jesuitenhochschule und seiner Konversion zum Katholizismus. Insofern ist er der eigentliche Partner dessen, was an mir trotz aller Gewesenheit noch grünt und blüht. Im ehelichen kalten Krieg divergierenden Seinsverständnisses ist er der Unparteiische, der auch meine Seite sieht, während seine Schwester voll im mütterlichen Lager steht und meins von Haus aus ignoriert. Da ich eigentlich nur für meine Frau schreibe, der aber die ganze Richtung nicht paßt, ist wenigstens die Internet-Partnerschaft mit dem Filius eine unschätzbare Kostbarkeit. Im Moment sieht es ganz nach einer Propaganda-Offensive aus, weil auch der gestrige Tagestext fürs Netz in Frage kommt und die obigen Zeilen ebenfalls Vorzeigbarkeit beanspruchen können. Zwar muß ich, wie die im Schnürschuh kopfstehende Hausgans von F.K. Waechters berühmtem Cartoon, leider sagen "wahrscheinlich guckt wieder mal kein Schwein", wenn der Sohn und Chefredakteur seines Amtes gewaltet hat, doch was im Prinzip alle wissen könnten, ist mehr als nur Makulatur. Für diesmal ist mir daran gelegen, daß die den gesunden Anteilen meines Christseins in Vereinzelung geschuldete Umkehr das Licht der virtuellen Öffentlichkeit erblickt, weil ich vor vier Tagen hier an dieser Stelle ein scheinbar letztinstanzliches Verdikt ausgesprochen hatte. Man sieht nur mit dem Herzen gut, und meins ist leider ein bißchen kurzsichtig.