Thema: Kindergarten

Donnerstag, 27.2.2003. Obwohl ich gestern wegen der muffelnden Bettwäsche eigens zum Waschsalon ausgerückt war, erwachte ich heute nicht weniger elend als sonst. Der Morgensumpf hat also definitiv innere Ursachen. Im Zuge der Waschaktion besuchte ich auch das bodenständige Stammlokal und die Knacks-Klause, immer der Mahnung meiner Frau eingedenk, auf Menschen neugierig zu sein. Doch als ich wieder zu Hause war, hatte ich nur einen Nachgeschmack von strukturellem Beschiß und hätte lieber reinen Basisverlauf gelebt. Bruder Efeu, der mich vor längerem darauf brachte, daß muffelnde Bettwäsche nicht gottgegeben ist, hatte zuvor wegen seiner Post angerufen. Dieser afferente Weltbezug hatte mir so viel Schwung verliehen, daß ich mich gegen ursprüngliche Absicht spontan rasierte und später, um mich nicht umsonst vorzeigbar gemacht zu haben, zur Waschaktion aufbrach. Der gestrige Tagestext ist an der Grenze zum Sahnehäubchen. Wenn ihn der Sohn nicht als zu persönlich empfindet, will ich auch ihn, wie seinen Vorgänger, ins Internet stellen lassen. Einem konfusen Zusatz im Nachhinein rückte ich mit Papierschere und Alleskleber zuleibe, so daß ich den Text jetzt, mehrfach vom kalten Blick aus dem Off geprüft, als gültig aus der Hand geben kann. Unmittelbar nach der Waschaktion rief ich den Filius und Chefredakteur an und erfuhr, daß er am Samstag kommen will, um seines Amtes zu walten. Der Text enthält zwischen den Zeilen das Eingeständnis, daß meine Frau sich zu Recht eines g e s u n d e n Agnostizismus rühmt, während mein Christsein in Vereinzelung durchaus auch pathologische Züge trägt. Meine Situation ist die des Erwachsenen am Kindergartenzaun, der um die Krankheit zum Tode weiß, indes im Inneren des Geheges träumende Unschuld noch Fangamandl und Räuber und Schandi spielt. Übrigens ist das auch die Lage meiner Nation unter den Völkern, die hakenkreuzsündenfallerfahren gleichfalls nicht mit umhertollen mag, wenn andere sich auf die Jagd nach Glück begeben. Ohne Auschwitz behielte vielleicht Nieztsche recht, der das Christentum sinngemäß für eine Geisteskrankheit erklärte; doch da nun einmal das Hakenkreuz ex negativo eine metaphysische Dimension hat und das monumentalste Fragezeichen der Menschheitsgeschichte wegen der Fallhöhe im Herzen des Abendlandes ist, auf das nur das Kreuz noch zu antworten vermag, muß man, zumindest in meinem Vaterland, das Kreuz radikal ernstnehmen, Pathologie hin oder her. Meine geistliche Besonnenheit ist nichts anderes als meine vaterländische Pflicht, zu der mich die Zeitgeschichte und die Umstände meiner Herkunft zwingen. Heuristischer Adel verpflichtet. Für ihn ist nicht Gesundheit, sondern Wahrheit das höchste Gut, mag sie existentiell auch kostspielig sein. Ich weiß mir Besseres als Neugier auf Repräsentanten der Kategorie Menge. Bruder Justus in der Knacks-Klause würde mich interessieren. Er ist ein Einzelner vor Gott. Von ihm habe ich zum Beispiel gelernt, das mir Auferlegte als nur Vorletztes ohne Murren zu tragen. Gerne würde ich mit ihm meinen Ausguck am Kindergartenzaun teilen, er schnupfend, ich ziga- rettenrauchend, beide von illusionsloser letzter Hoffnung beseelt, mit Null Bock auf Bauklötzchen, Fangamandl und Räuber und Schandi. Doch wie es mit Einzelnen so geht, sie sind spröde. So bleibt es beim Grußfuß als Ausdruck scheuen gegenseitigem Respekts. Stimmt; mein Christsein in Vereinzelung trägt auch pathologische Züge. Doch ist nicht das ganze Erdenleben eine Krankheit mit nefaster Prognose?