Thema: Modalitäten

Dienstag, 25.2.2003. Das große Vielleicht, in das ich hineinsterben werde, ist im besten Fall beseligend, im schlimmsten Fall nicht im Letzten und nicht auf Dauer verstörend und abgründig. Sollte ich aber gut leibseelemonistisch im Nichts verlöschen, wäre das reiner Epikur, der sagte, der Tod sei nicht zu fürchten, denn so lange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht da. Weil ich jedoch gute Gründe für meinen Gehirn-Geist-Dualismus habe, bleibt mir Epikurs Trost verschlossen und ich denke tagein tagaus in eschatologischen Kategorien, besonders im morgendlichen Erwachenselend, in dem mein Schatten noch locker in den Kavernen des Unbewußten sitzt und auf dem Sprung ist, der Klarheit meines Kopfes und meiner geistlichen Besonnenheit den Garaus zu machen. Bruder Efeu, mein griechischer ehemaliger Langzeit-Logiergast a conto Bergpredigt, dessen turnusmäßiger Postanruf gestern das einzige überschüssige Tagesmerkmal war, ist Afterphilosoph und beansprucht das Definitionsmonopol von Gut und Böse, die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Für einen Dualisten wie mich hat das wegen des großen Vielleicht eine über reine Ethik hinausgehende eschatologische Dimension, und deshalb ist mir sein philosophasterndes Geschwafel so verhaßt, daß ich über Möglichkeiten zum offenen Bruch nachdenke. Wegen des Faktors Schlange im Weltgetriebe sehe ich die alleinige Zuständigkeit für das Werturteil bei Gott und wage nichteinmal, über die Täterseite des Abgrunds Auschwitz eschatologisch den Stab zu brechen. Ich kann ja nicht wissen, ob ich im Darüberhinaus des Grabes nicht einmal als Vergil Martin Bormanns durchs Purgatorium zum letzten Ziel der Vorsehung unterwegs sein werde, da ich die durch Frossards Theophanie-Zeugnis letztinstanzlich gestützte Auffassung der Sufis von der Endlichkeit der Hölle teile und im Umkehrschluß an die unbequeme Partnerschaft aller auf den purgatorischen Umwegen zur Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott glaube; wobei, was die einen angerichtet haben, die anderen mitausbaden müssen. Ausgerechnet auf Bormann komme ich, weil er der Bauherr meines im Kriege gefallenen Architektenvaters war und in meinem extrauterinen Frühjahr mir die Aletemilch der völkischen Denkungsart finanzierte. Auch fand ich in den Unterlagen ein Schmucktelegramm aus der Stadt der Reichsparteitage mit seiner Unterschrift, zur Vermäh- lung meiner Eltern. - Meine im Letzten nichtinfernalische Eschatologie hat außer bei Frossard noch eine Stütze im biblischen Mauerblümchen des paulinischen pan-en- Theismus, den Paul Tillich systematisch-theologisch aus seinem Schattendasein holte und so mir als Laien zugänglich machte, während die Una Sancta ihn wegen ihres mittelalterlichen unfehlbaren Höllendogmas unterschlägt. Auch Tillich stand vor der Aufgabe, sich auf den Abgrund Auschwitz einen theologischen Reim zu machen. Da er als weidlich fruchtender Frühemigrant weder blutige, noch schmutzige oder auch nur leere Hände hatte, hat seine beharrliche Weigerung, eschatologisch den Stab zu brechen, besonderes Gewicht. Auch ihm war klar, daß Gott allein wissen kann, wer bei Würdigung aller Umstände gut und wer böse ist. Die Fäulnis der Idylle meiner frühesten Jahre ist in das Ursachenkontinuum des Aschenmehls in der Weichsel so eng verflochten, daß mir das Dogma von der Erbsünde, als der Basis des Mysteriums Christi, lebendigste Wahrheit geworden ist. Darum halte ich Genesis 3 und Römer 8,38-39 für die Brückenköpfe des heilsgeschichtlichen Regenbogens der Bibel, der mancherlei Schlacken überwölbt, die man sich getrost schenken kann. Das Holz des Baums der Erkenntnis und das des Kreuzesstamms von Golgatha ragen für die Gewißheit: ab ligno mors ab ligno vita. Das große Vielleicht betrifft nur noch die Modalitäten.