• Thema: Vorletztes
  • Sonntag, 2.2.2003. Gerade wenn es dunkel ist, muß man das Herz öffnen für das Licht, das von oben kommt, sagte sinngemäß Edith Stein. Heute ist Mariae Lichtmeß. Begangen wird das Gedenken an die Darstellung des Jesusknäbleins im Tempel bei Lukas, wo der greise Simeon das Kind in die Arme nimmt und es preist als das Licht, das den Heiden leuchten wird. Ich wüßte es nicht, wenn nicht gestern im Radio beim Wort zum Sonntag der Kardinal darauf zu sprechen gekommen wäre. Ja, es ist dunkel. In mir sowieso, aber auch in der Welt. Drohende Kriegs- gefahr im Nahen Osten und lauernde Bedrohung durch weltweiten Terror tangieren auch die hiesige Enklave des Gotteswunders der Normalität. Im Text 1-36 der "Abendsonne" habe ich zur Kriegsfrage abweichend von der Position meiner Frau Stellung genommen. Wenn Dablju Beweise vorlegt, dann mag er losschlagen, das meine ich auch heute noch. Zu den Risiken und Nebenwirkungen der Duldung eines weltfriedenbedrohenden Regimes durch Unschuldige kann auch ein Dresden gehören, das lehrt gerade mein Volk die Zeitgeschichte. Auschwitz wurde nicht von Demonstranten, sondern von der Roten Armee befreit. Wenn Dablju aber nichts beweisen kann, dann ist Losschlagen ein Verbrechen. Bevor das nicht geklärt ist, gehe ich nicht demonstrieren. Heute werden in zwei engeren Heimaten des Vaterlandes die regionalen Parlamente neu gewählt. Dabei können sich die Gewichte in der gesetzgebungsrelevanten Länderkammer der Nation entscheidend verschieben, so daß der Handlungsspielraum des amtierenden Spitzen-68ers bis hin zu Neuwahlen auf nationaler Ebene eingeschränkt würde. Er bekäme damit auch die Quittung für seine Preisgabe der transatlantischen Option in der Kriegsfrage aus wahltaktischen Gründen. Diese Option haben soeben acht europäische Länder ausdrücklich bekräftigt, nur Frankreich teilt noch mit Einschränkungen die hiesige rotgrüne Position. Wenn Dablju demnächst beweiskräftig argumentieren sollte, wäre das Vaterland der Erwachsenen am Kindergartenzaun vollends isoliert. Dem könnten die beiden heutigen Wahlergebnisse entgegenwirken, weil politisch Schwarz Dabljus Nation als die Schutzmacht der freien Welt respektiert und sie nicht mit dem ölreichen Schurkenstaat auf gleiche Augenhöhe reduziert, wie etwa, pars pro toto, meine Frau, die ein Plakat malen und spazierentragen will, auf dem zu lesen steht "entwaffnet Dablju, entwaffnet Israel". Alles hängt allerdings davon ab, ob die Neokonservativen in Übersee die weltfriedenbedrohende Qualität des nah- östlichen Regimes plausibel machen können. Wenn nicht, würde es wirklich dunkel in der Welt, denn zurück können sie kaum noch. Der Bogen der Kriegsvorbereitungen ist bis zum Zerbrechen gespannt, fast schon unwillkürlich kann der Pfeil von der Sehne schnellen. Aber auch der islamistische Kamikaze-Terrorismus wird im Kriegsfall unvorstellbare Ausmaße annehmen, weil die Enterbten und Entrechteten der islamischen Welt den Öl-Diktator als einen der Ihren ansehen. Für seine Entwaffnung und Entmachtung müssen schon sehr stichhaltige Gründe vorliegen, um dieses unkalkulierbare Risiko zu rechtfertigen. Der Kardinal hat es gestern vermieden, das Licht von oben mit diesen Dunkelheiten zu korrelieren. Gut katholisch, übrigens; ein protestantischer Redner hätte mit dem Namen Jesu Politik gemacht. Ich lerne daraus an Mariae Lichtmeß, daß Dunkelheit, wie immer sie ausfällt, nur Vorletztes ist. Das Licht, das den Heiden leuchtet, ist unauslöschlich. Und Heiden sind, getauft oder nicht, außer den Heiligen ja alle Menschen.
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