Thema: Vier Asse

Freitag, 24.1.2003. Das Vorgestern ist schon bei den Akten, gestern war nur Basisverlauf mit etwas überschüssigem Bewußtsein, welches zur vorauseilenden Abfassung des Nachworts für die zweite Sammlung der “Abendsonne” führte, und heute liegt erst das Erwachenelend mit der Auftauphase vor. Weit und breit kein Stoff für den Griffel, also. Meine Frau unterrichtet heute gegen Honorar drei private Malschüler in ihrem Atelier. Als ich gestern beim Ehetelefonat sagte, sie nehme also ihre Berufstätigkeit wieder auf, erwiderte sie, sie sei immer berufstätig, immer im Dienst. Das trifft ganz gut ihre agnostische Sachzwangseligkeit, welche ihr die nackte Selbstkonfrontation erspart, die allerdings wieder die Vor- raussetzung ist für das Bedenken dessen was letztlich zählt. Auch mein therapeutisches schriftliches Kopfzerbrechen aus dem Morgensumpf heraus ist Dienst, wenn Stoff vorliegt. Wenn das aber nicht der Fall ist, wie heute, geht die nackte Selbstkonfrontation des Erwachenselends und der Morgenroutine im Zustand der nachdefizitären Besonnenheit weiter. In diesem Zustand habe ich dem kalten Blick aus dem Off bereits den Rücken gekehrt und die angstbesetzte Krisennähe meines sekundären Handicaps in der Langzeitremission, als unvermeidlichen und erschwing- lichen Brückenzoll in den übrigen Tag, integriert. Gestern beim Nachwort war die Rede von der blutigen Ausbreitungsgeschichte des Christentums seit Karl dem Großen, und von deren alleiniger Rechtfertigung durch Frossards Theophanie-Zeugnis. Blut für Wahrheit, wie schon am Kreuzesstamm von Golgatha, und die Opfer nicht als Dünger der Evolution, sondern mindestens als Wahrheitszeugen ex negativo, gefallen im Kampf um die Wahrheit, nicht um die Prawda. Ohne Frossard hätte auch ich, wie Karlheinz Deschner, angesichts der Unheilsgeschichte des Christentums das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Quantität ist kein Wahrheitskriterium, und daß weit mehr als ein Viertel der heutigen Menschheit christlich geprägt ist, besagt für sich genommen nichts über die Bonität des hoch gepokertem christlichen Blattes. Allein, daß der Kiebitz Frossard signalisiert, daß es mit den vier Assen seine Richtigkeit hat, allein das hindert mich daran, wie Deschner Fahnenflucht zu begehen. Christsein als stärkste geistige Macht des Planeten ist dadurch für mich durch die metaphysischen Tatsachen gedeckt und ich erspare mir interreligiöse Mühen allein mit Blick auf die schiere Zahl. Freilich habe ich auch schon, wegen dessen staunenswerter ethischer Gesamtbilanz, am Buddhismus genascht, auf Dauer konnte sich aber meine geistliche Besonnenheit nicht mit den inneren Wider- sprüchen seiner Lehre abfinden, und so kehrte ich ihm, auch wieder via Frossard, endlich den Rücken. Der Märzfeld-Schneefleck im Garten, dessen Anblick gestern das Nachwort initiiert hatte, ist bis auf kaum wahrnehmbare Spuren weggeschmolzen. Ich nehme das als Symbol für die schließliche Humanitarisierung des mit Blut fun- dierten christlichen Abendlandes vor allem durch die Aufklärung, ein Pro- zeß, welcher der islamischen Welt noch bevorsteht und die weltge- schichtlich einmalige Fallhöhe des Hakenkreuzes bedingte. Nur gestern konnte ich das auf März vordatierte Nachwort so schreiben, schon heute wäre es mutwillig vom Zaun gebrochen, um wieviel mehr im anthropogen klimaerwärmten Vorfrühling.-Gestern gab ich auch im Tagestext der Erwartung Ausdruck, es möge heute kein Stoff vorliegen, damit endlich wieder einmal ein internetfähiger Titel eine Chance hat. Nun hat es ganz den Augenschein, als könnte das Vorstehende meinem Sohn und Chef- redakteur dafür taugen, ins Netz gestellt zu werden. Sahnehäubchen be- stehen nun einmal weitestgehend aus Luft, da kann man Stoff gar nicht brauchen.- Vier Asse aber sind kein großer Bluff. Deshalb ist es keine Schande, wenn die kirchenge- schichtlich motivierte Skepsis sagt: “ich passe”.