Thema: Das ewige Du

Mittwoch, 6.11.2002. Selbst Leben, Gott denken- ich glaube, das ist eine Altersfrage. Es kann nicht glücken ohne eine vorgängige Bewährung in Weltdingen. Vermutlich kann Frossards Theophanie-Zeugnis nur erblühen in den Herzen der Älteren. Mein Sohn hat es gar nicht erst zu Ende gelesen und hielt die zielführende Selbstdarstellung für das Eigentliche, welches ihn kalt ließ. Auch ich habe in früheren Jahren, als ich noch ins sozialdar- winistische Dickicht verstrickt war, das Büchlein trotz Lektüre links liegen gelassen. Es sagt ja nicht mehr, als daß der liebe Gott tatsächlich i s t, und zwar ganz im Sinne der katholischen Glaubenslehre, nicht etwa als Brah- man im Sinne der Upanischaden, von der atheistischen Religiosität des Buddhismus ganz zu schweigen.- Daß die älteste Causa der Menschheit im Herzen des Abendlandes so unökumenisch entschieden wurde, ist die eigentliche Sensation des Zeugnisses. Vielleicht liegt das daran, daß das Abendland sich von allen Kulturkreisen in Weltdingen am besten bewährt hat und daß etwa alle indische Weisheit an den soziokulturellen Verhält- nissen des Subkontinents zuschanden wird.- Paul Tillichs ontologische Grundstruktur Selbst und Welt verdankt sich abendländischer Heuristik und wird von Frossards Erfahrung mittelbar im geistlichen Primat des Abendlandes verifiziert. Wenn ich ganz auf den Pol Selbst setze, heißt das nicht, daß ich es an vorgängiger Bewährung in Weltdingen hätte fehlen lassen. Das unterscheidet mein Streben von einer Atman-Brahman-Spiri- tualität, die Gott in sich selbst erfahren will, statt in demütiger Geschöpf- lichkeit die reinliche Bettelschale des Intellekts nach Sterntalerwissen aus dem Umgreifenden auszustrecken.- Von mystischen Raunen ist Frossards Botschaft denkbar weit entfernt. Sprachmächtig und besonnen tauchte der junge Atheist aus der Begegnung mit dem Unnennbaren hervor und nahm sich ein halbes Leben Zeit, sich in den Weltdingen zu bewähren, bevor er Zeugnis ablegte. Der Pol Welt der ontologischen Grundstruktur ist zwar im Licht von Neodarwinismus und Kosmologie nur mittelbar aus Gottes Hand, will aber mit einem Körnchen Salz trotzdem als gute Schöpfung verstan- den werden und erheischt die Bewährung des Menschen als endlich freier Partner des Weltganzen.- Schon der Gehirn-Geist-Dualismus widerspricht diametral indischem Einheitsdenken, um wieviel mehr die Mensch-Gott-Dualität, welche brahmanistische Religiosität in Frage stellt. Das letzte Ziel der Vorsehung, Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, wäre bei einer Atman-Brahman-Verschmelzung nicht erreichbar. Bevor die Hindus nicht ihre heiligen Kühe zu Corned Beef verarbeiten, perlt indische Weisheit an mir ab wie Wasser, Frossard sei Dank.- Die Bewährung in Weltdingen ist nicht das unwichtigste Wahrheitskriterium. Das wußte Frossard, darum hat er sich für seine verantwortungsvolle Mission Zeit gelassen. Denn es war eine Mission, die sich an alle richtet, keine mystische Privatoffenbarung. Deshalb ist auch mein Zeugnis von der Erfahrung mit seinem Zeugnis im Einklang mit dem lenkenden Schaffen Gottes, das sich ja vor allem im inspirierten Bruchteil von Poppers Welt drei manifestiert. Also gehört auch mein früherer Weltbezug zum Thema und ich reise nicht auf dem falschen autobiographischen Dampfer. Soviel Du wie möglich, soviel Ich wie nötig. Das gilt übrigens nicht nur für Mensch und Gott, son- dern auch für Mensch und Mitmensch. Denn Gott schuf den Menschen nach seinem Bild schuf er ihn.