Thema: Anderland

Dienstag, 5.11.2002. In der Wärmetod-Drift des Willens der Dinge zum Nichts nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ankert mein später, kleiner Glaube immer wieder unverbrüchlich in Frossards Theo- phanie-Zeugnis. Nur weil ich ein Wortmensch bin und Frossards theonome, sich selbst beglaubigende Sprachmacht zu würdigen weiß, ist mir dies möglich. Wäre ich ein Sinnenmensch, hätte ich das Büchlein längst wieder aus den Augen verloren. Da es zu neunzig Prozent aus zielführender Selbstdarstellung besteht, mache ich mir kein Gewissen daraus, meine um Takt bemühten Versuche der Sagbarkeit dessen, was letztlich zählt, über weite Strecken mit Selbstdarstellung zu unterlegen.- Nur, wenn es um die Sache Jesu geht, gehört in einem Sachbuch das Ich des Autors zum Thema. Meine vermutlich durch Vaterlosigkeit bedingte Wahrnehmungsaskese steht diesem Vorhaben nicht im Wege, weil aktueller Mangel an Weltbezug das Selbstsein nicht defizitär macht, wenn dieses sich im Vorleben hinlänglich in Weltdingen bewährt hat. Davon zeugen in meinem Fall die Rahmenbedingungen meine schriftlichen Tuns, das Bankkonto mit dem mäßig aber regelmäßig fliessenden Geld und das Häuschen mit dem braunen Genius Loci und den Möbeln von meines begabteren Vaters Reißbrett. - Auch Frossard verwandte nach dem 8.Juli 1935 ein halbes Leben auf die Bewährung in Weltdingen, bevor er als reifer Mann mitten im Leben das Zeugnis von seiner unabweisbaren Erfahrung, der Evidenz des liebenden Vatergottes im Sinne der katholischen Glaubenslehre, verfaßte und zu Markte trug. Es wurde ein katholischer Insider-Bestseller, leider nicht mehr, und brachte ihm auch einen französischen Literaturpreis ein. Meine Schwägerin, die von seinem Büchlein nie gehört hatte, obwohl sie in Frankreich wohnt, kannte seinen Namen dennoch als den eines namhaften Publizisten beim konservativen Figaro. Inzwischen teilte sie mir mit, daß Frossard gestorben ist.- Er hatte noch eine Fortsetzung seines Zeugnisses geschrieben, mit dem Titel “Es gibt eine andere Welt”. Dort in Anderland wird er jetzt der Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott teilhaftig sein, denn er hatte seine verantwortungsvolle Mission bravourös erfüllt und brauchte nicht purgatorischer Umwege zum letzten Ziel der Vorsehung gewärtig zu sein. Sollte er zur Ehre der Altäre gelangen, dann wohl am besten als Schutzpatron der Kleingläubigen.- Mein Zeugnis von der Erfahrung mit seinem Zeugnis kann nur von Wert sein, wenn ich die mir besonders evidenten Kräfte des Ekels und des Verfalls nach dem Entropiegesetz nicht verschweige und ungeachtet des kalten Blicks aus dem Off immer wieder zu einem kleinen Dennoch finde. Das ist kleiner, später, knorriger Glaube mit engen Jahresringen, aber besser als die spirituellen Wassertriebe manch eines Jüngeren. Ja, es gibt eine andere Welt, ich nenne sie Anderland, und die purgatorischen Umwege da hin sind endlich, auch das hat Frossard mit letztinstanzlicher Autorität konstatiert, der das Hakenkreuz immerhin von der Opferseite her kannte. Tut mir leid, heiliger Vater, in diesem Punkt irrt Ihr Weltkatechismus, Bibel hin oder her.