Thema: Kreuz und Hakenkreuz

Freitag, 1.2.2008. Das Leben ist die Hölle, das Danach ist koscher. Denn Gott ist und es gibt eine andere Welt. Das ist die Botschaft des Frossard-Büchleins, die mir die Aussicht auf unbefangenes Sterbenkönnen eröffnet, weil dann das dicke Ende nicht nachkommt, sondern schon hinter mir liegen wird. Diese Botschaft sitzt zwischen zwei Stühlen. Die einen wollen im Leben Spaß haben, so lange Vorrat reicht, und dann nach ihnen die Sintflut. Und die anderen wollen im Danach überm Himmelsrand Teufelsbraten schadenfroh belachen, zumindest einer Faschingspredigt von Karl Rahner zufolge. Da kann es nicht wunder nehmen, daß das Frossard-Büchlein, eine menschheitsgeschichtliche Singularität auf der Basis empirischer Metaphysik, als eine große Peinlichkeit von Zeitgeist und Kirche totgeschwiegen wird. Für mich gibt es darauf nur eine Antwort, nämlich akirchliche Religiosität. “Do you believe in God ?” wurde C.G. Jung einmal gefragt. “I do not believe, I know”, entgegnete er. So auch ich. Zu diesem Glaubenswissen gehört die Einsicht, daß es das falsche Konzept ist, sich im Vertrauen auf eine Ausflucht ins Nihil vor dem Ernst des Lebens drücken zu wollen. Diesen muß man vielmehr in seiner ganzen Banalität und Schäbigkeit mit Blick auf die Zukunft in Gottvertrauen über den Tod hinaus demütig annehmen durch Dick und Dünn. Das gilt für Opfer wie für Täter gleichermaßen. Denn die einen können sagen “dies ist nur Vorletztes” und die anderen “unser Schmutz befleckt uns nicht auf ewig”, weil das Leben schon die Hölle und das Danach koscher ist. Für die Täter kommt das dicke Ende noch nach, aber eben nicht für ewig, weil durch die Aufhebung das principium individuationis unter Transzendenzbedingungen sonst die Qualen der Verlorenen wie eigene der Geretteten sein würden. Karl Rahners Faschingspredigt war tröstlich gemeint, geht aber an den metaphysischen Tatsachen vorbei. Auch das Diktum von Kardinal Lehmann auf die Interviewfrage, ob ein Katholik heute noch an die Ewigkeit der Hölle glauben müsse, “wo Heil, da auch Heilsverlust”, ist im Licht der frossardschen Gotteserfahrung haarscharf daneben. Dicht daneben ist auch vorbei. Deswegen habe ich mich geistlich selbstständig gemacht und bin jetzt ein religiöser Selbstversorger. Dem Heilsaufschub, sollte er mich als unterm Hakenkreuz schuldig Geborenen treffen, vermag ich dank Frossard in unbefangenem Sterbenkönnen beherzt ins Auge zu sehen. Im Weg der Ersatzvornahme habe ich nämlich für Zeitgeist und Kirche gleichermaßen die religiöse Hakenkreuzbewältigung, das Vermächtnis meiner Mutter, geleistet. Im katholischen Weltkatechismus ist die Hölle noch ewig. Ein ganz kleines unscheinbares Sätzlein der in Glaubensfragen Unfehlbaren, das an die Aussage des gefallenen Mädchens erinnert “es ist nur ein ganz kleines Baby” . Ein bißchen schwanger gilt nicht. Deshalb hat man aus Angst vor Gesichtsverlust Frossard totgeschwiegen. Aus Spaß wurde Ernst und Ernst kann bald laufen. Ich bin weit davon entfernt, für eine neue Kirchenspaltung zu plädieren. Ich bin schon froh, wenn mir unter dem Schutz und Schirm des Zeitgeistes der Scheiterhaufen erspart bleibt. Wie ein Mieter, der für die säumige Hausverwaltung den kaputten Fahrstuhl reparieren läßt, betreibe ich lediglich Ersatzvornahme, ohne ausziehen zu wollen. Bis auf das ganz kleine Baby ist das katholische Lehramt nämlich Frossard zufolge das religiöse Optimum. Deshalb bin ich nach fünf Jahrzehnten Protestantismus konvertiert und habe es bis jetzt nicht bereuen müssen. Gebe Gott, daß das so bleibt. Nur ist die Wahrheit eben objektiv und absolut und wer für sich ihren Alleinbesitz in Anspruch nimmt, muß sich mit der entsprechenden Elle messen lassen. Mein Beginnen ist werkimmanente Kritik, die nicht das Christkind mit dem Bade ausschüttet. Auch dies ist wieder mal ein Fall zwischen den Stühlen, weil der Zeitgeist nichts davon hat und die Kirche nur Gesichtsverlust. Wird wohl auch totgeschwiegen werden in der Peepshow meiner Website. In der neuen Enzyklika des Papstes ist die Höllenewigkeit noch enthalten, wenn wohl auch als leerer Grenzbegriff. Man ist eben nicht Einstein, der seine Irrtürmer liebte, um aus ihnen zu lernen, man ist Amöbe, die nicht gern irrt. Das ist, so sagte Popper, der einzige Unterschied zwischen Einstein und der Amöbe. Zugegeben, der Papst muß einen großen Laden zusammenhalten. Da besteht leicht die Gefahr, daß aus Wahrheit Prawda wird und aus der Einen Heiligen unter der Führung des Heiligen Geistes eine metaphysische Kaderpartei. Da muß man halt als Einzelner nach innen emigrieren. Ich balle seit der Jahrhundertwende im Internet die Faust in der Tasche zwischen den Stühlen. In acht Jahren ein Eintrag ins Gästebuch bei laut Statistik über vierundvierzigtausend Besuchen im Jahr. Das hat Methode. Bei einer Peepshow tänzelt im Rund von Einzelkabinen eine hüllenlose Schöne in verfänglichen Posen und kann sich mutterseelenallein wähnen. Nur die Umsatzzahlen des Unternehmens für Ehehygiene sagen die Wahrheit. Das Frossard-Büchlein hatte weltweit vierhundertausend Auflage und ist inzwischen vergessen und vergriffen. Es hat als Peepshow gedient und außer mir nichts bewegt. Aber ich hab´s ja mit der religiösen Hakenkreuzbewältigung, da sieht der Fall anders aus. Kreuz und Hakenkreuz sind eben ein existentielles Thema. Ehehygiene nicht.