Thema: Hakenkreuzbewältigung

Mittwoch: 16.10.2002. Während der sieben selbstbestimmten Jahre zwischen dem Tod der Mutter und der verbrannten Erde meines sekun- dären Handicaps versuchte ich es statt mit der dressurgemäßen integrativen Hakenkreuzbewältigung mit der kontroversen Verarbeitung der Nazizeit. Zunächst die 68er, dann der Ex-Kommunist und glühende Protestant Herbert Wehner waren bestimmend für diese biographische Phase, aus der mir vor allem ein Transzendenzmangelsyndrom in Erinnerung ist, das zur religiösen Tingierung der nach der Lebensmitte einsetzenden sporadischen Schatteninflationen führte.- In diesen sieben Jahren waren die Kinder klein, ich gedieh beruflich bis hin zur Verbeamtung auf Lebenszeit, und wir kauften das heute endlich hypothekenfreie Häuschen im Grünen, das ich jetzt noch bewohne. Kleine Kinder sind ja heile Welt und verleihen über- menschliche Kräfte. Ich verstand mich als Sozialist in der anständigen Hälfte der Nation und wendete mich mit pathologischen Haß gegen das Lager, auf das hin ich von meiner Großen Mutter dressiert worden war. Der damit verbundene höllische Stress löste die erste Schatteninflation aus, der in siebzehn Jahren dreizehn weitere folgen sollten.- Diese siebzehn Jahre verbrannte Erde mit ihrer religiösen Tingierung falsifizierten peu à peu meinen pathologischen Sozialismus, Wehners Tod tat ein übriges, so daß ich heute in puncto Hakenkreuzbewältigung auf dem Standpunkt stehe, sie dürfe nicht politisch-kontrovers, sondern müsse transzendentistisch-integrativ erfolgen. Vorraussetzung dafür ist allerdings erst einmal das biologische Ende der letzten alten Kämpfer.- Wie schon meiner Mutter geschah, hat mich ja das Hakenkreuz zum Kreuz gebracht. Es ist das monumentalste Fragezeichen der Menschheitsgeschichte, auf das nur noch das Kreuz zu antworten vermag. Daß politische Kategorien keine Antwort geben können, zeigt das Aufkommen der Neonazis. Weil die Fallhöhe einer christianisierten Kulturnation im Herzen des heuristisch privilegierten Abendlandes am größten war, nur deshalb hat das Hakenkreuz diese exklusive metaphysische Dimension ex negativo. Jedweder gutgemeinte Versuch der Relativierung durch vergleichbare Greuel, beispielsweise seinerzeit durch Heiner Kipphardt in seinem “Bruder Eichmann”, verkennt, daß heuristischer Adel verpflichtet und daß folglich gilt: quod licet bovi non licet Jovi.- Nach Christianisierung, Reformation und Aufklärung der Abgrund Auschwitz - das ist es, was das Hakenkreuz beispiellos macht in alle Zukunft. Es mag sein, daß die Juden, sobald sie einen eigenen Herd haben, ethisch auch nur mit Wasser kochen, aber für mein Vaterland sind sie durch den Holocaust wirklich zum auserwählten Volk geworden. Antisemitismus kostet heute, wie die letzte Wahl gezeigt hat, entscheidende Prozentpunkte an der Wahlurne und hat per saldo Schwarzgelb um den Machtwechsel gebracht. Mein unter Hakenkreuzbedingungen euthanasie- trächtiges Jude-sein honoris causa manifestiert sich nicht zuletzt in einer Wächterfunktion bezüglich der metaphysischen Dimension des Abgrunds Auschwitz. Beide Völker müssen daran interessiert sein, daß der Holo- caust nicht säkularisiert wird, sondern ex negativo auf das Heilige verweist. Die sieben selbstbestimmten Jahre meiner Biographie, die in verbrannte Erde mündeten, sind der Beleg für das Scheitern der Mühe, hier ohne das Heilige auszukommen.