Thema: Der Anker

Freitag, 4.10.2002. Frossards Theophanie-Zeugnis besagt auf dem Hintergrund der Stammesgeschichte, daß der Mensch jetzt das Ziel seiner Jahrmillionen-Entwicklung erreicht hat und daß seine kulturelle Evolution sub specie aeternitatis gültig ist. Mehr, als Gott in der Immanenz zu schauen, kann selbst einem Geschöpf mit der kentaurischen Natur leibgeistseelischer Ganzheit nicht beschieden sein. Frossards unabweisbare Erfahrung der Evidenz eines liebenden Gottes bezeichnet den absoluten Höhepunkt einer natürlichen Aufwärtsentwicklung aus den Abgründen der fernsten Vergangenheit.- Wohl mag der Frühmensch nicht ausdrücklich gottgewollt, sondern zufallsbedingt entstanden sein, also höheren Orts nur vorhergewußt und zugelassen wie alle andere Evolution, aber seit dem 8. Juli 1935 hat auch er rückwirkend einen individuellen Namen, Adam, und ist damit Eigentum Gottes, wie alle Namensträger in Vergangenheit, Ge- genwart und Zukunft. Da die Ewigkeit eine transzendente Einheit aller drei Modi der Zeit ist, erscheint dieser Gedanke nicht so abwegig, wie es linearem Zeiterleben vorkommt.- Gleich einem Hologramm enthält ja jeder partielle Abschnitt auf der Zeitachse das ganze Bild, je kleiner, desto unschärfer, aber das Ganze. Darum kann man auch mit Fug und Recht sagen, daß Jesu Erdenleben die Mitte der Geschichte ist, die mit dem Zeitpfeil, und gegen ihn, heilsdimensional ausstrahlt, vom Omega bis zum Alpha. Ein, geistlicher Schönrednerei unverdächtiger, Zeuge, Albert Einstein, bekundete als Naturwissenschaftler, daß die lineare Abfolge der drei Modi der Zeit nur den Charakter einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion hat. Deshalb ist auch der biblische Schöpfungsglaube mit der Evolutionstheorie durchaus kompatibel, da zwischen “initiiert, vorhergewußt, sowie zugelassen” und “ausdrücklich gottgewollt” nur noch eine zeitpfeilbedingte Verständnislücke klafft. Vorsehung ist es allemal. - Eine Popularisierung von Einsteins Ein- sicht würde aber nicht nur dem kosmologischen und darwinistischen, sondern auch dem Theodizee-Atheismus weithin den Boden entziehen. Es reimt sich nicht hienieden, weil wir an die Zeitachse gekettet sind und vom Augenblick aus nicht das gesamte Tableau zu sehen vermögen, das ja auch, es kommt erschwerend hinzu, das Darüberhinaus des Grabes mit umfaßt. Die Evolution hat uns so ausgestattet, daß wir überleben, nicht, daß wir erkennen. Deshalb ist das Erkennen zu allermeist gegen den Strich des Augenscheins gebürstet, vor allem in Bezug auf die Transzendenz.- Umso kostbarer also Frossards Theophanie-Zeugnis, wo auch einmal der Augenschein das Unnennbare dingfest machen durfte und mit reichster geistlicher Ernte aus der Begegnung hervorging. Daß diese Ernte das hoch gepokerte katholische Lehramt in nahezu vollem Umfang bestätigt, ist das Allerverblüffendste. Frossard vergleicht die Lehrer der Kirche mit Geo- graphen, die einen Kontinent zutreffend kartrieren, ohne ihn je betreten zu haben. Da er das Wort meisterhaft handhabt, hat sein Zeugnis mich Wortmenschen katholisch gemacht. Das kann man von Sinnenmenschen nicht er- warten, deshalb ist sein Büchlein hierzulande vergriffen und wird nicht wieder aufgelegt. Wem dieser Anker des Glaubens fehlt, der ist der Wärmetod-Drift des Willens der Dinge zum Nichts nach dem Entropiegesetz schutzlos ausgeliefert. Lassen wir uns von ihm nicht mitreißen.