Thema: An Herbert Wehners Grab

Donnerstag, 25.1.2001. Die Produkte der Evolution, soweit hierzulande explizit politisch verfaßt, bezeichnen Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität als ihre Grundwerte. Diese sind von der Wertetrias der französischen Re- volution abgeleitet. Erst wenn man ihnen eine geistlich besonnene Funda- mentalalternative gegenüberstellt, merkt man, daß sie in der Luft hängen. Ich würde, nach langjährigen Erfahrungen mit dem Papiercharakter dieser Grundwerte, Wahrhaftigkeit, Gottesfurcht und Nächstenliebe als ziel- führender ansehen, denn Freiheit kann in Lüge münden, Gerechtigkeit bleibt ohne Rückbindung eine Funktion sozialen Beliebens, und Soli- darität ist an ideologischen Konsens gebunden. Es kann nicht wunder nehmen, daß gerade diese Sandbankfundierung nach seinskundlichem Pluralismus in der Nachkriegszeit, dann die ausdrückliche programmatische Fixierung auf anthropologischen Neodarwinismus nach Hausmacher Art zur Folge hatte. Freilich ist diese peinliche Eindeutigkeit inzwischen längst wieder aus dem Papier verschwunden, aber daß sie einmal nach Herbert Wehners Tod aufschien, zeigt, daß die Gutmenschenpartei mit dem Nobelpreisabraum ein bißchen schwanger war. Und “ein bißchen schwanger” gilt bekanntlich nicht. Es bedeutet, daß die eine Hälfte des nationalen Politikangebots den heuristischen Adelsbrief des Abendlandes, der zur empfindlichsten Rücksichtnahme auf die metaphysische Dimension verpflichtet, für Makulatur erklärt. Es ist wie halbseitige Lähmung nach dem Schlaganfall der Entfernung des Godesberger Programms, welches das soziale Gutmenschentum ausdrücklich auch für Christen geöffnet hatte. In jenem Rahmen hatte auch ich die leidvolle Ehre, meine Hase-Igel-Inhaltlichkeit ad maiorem Dei gloriam zu praktizieren, und zwar fünfzehn Jahre lang, die mich heute mehr reuen, als alle ethischen Fehltritte zusammengenommen. Freilich stehen die Produkte der Evolution rückbe- zogener Geschöpflichkeit im Sachenmachen nicht nach, und da ihre Ver- kaufe allemal cleverer ist, entsteht der Eindruck von echter Alternative zu konservativer Politik. Wer noch vor der Bildröhre in Wallung gerät und Druckerschwärze ernst nimmt, möge bedenken, daß man unter linksseitiger Ägide mit der kaltblütigen Lüge lebt, es habe mit Brot allein seine Richtig- keit. Wehner hatte sich dem noch widersetzt, aber als er aufatmend bestattet wurde, brachen die Dämme.