Thema: Nation

Donnerstag, 3.10.2002. Gestern war das Schutzengelfest, heute ist der Tag der vaterländischen Einheit. Das östliche Viertel des Vaterlandes, welches nach der Stunde unter kommunistische Mißherrschaft geraten war, ist seit genau zwölf Jahren, nach dem lautlosen und unblutigen Zusammenbruch des altersschwachen Kommunismus, wieder mit dem westlichen Staatsgebiet vereint. Über zwei Billionen in alte Währung sind seither von Westen in den Aufbau Ost geflossen, und allmählich nivelliert sich der emotionale Graben zwischen Ossis und Wessis. Ich selbst hatte in den frühen Siebzigern, vor meiner Adaption des Wehnerschen C in der Politik, eine kryptokommunistische Antifa-Phase, von der her ich dem eingemauerten und eingezäunten Staat im Osten seitdem eine differenzierte Haltung entgegenbringen konnte, so daß sich meine Freude über die Einheit jetzt in der abstrakten Genugtuung darüber erschöpft, daß nun ein explizit atheistisches Regime Geschichte ist. Die vier Siegermächte des zweiten Weltkrieges standen bei der Vereinigung vor zwölf Jahren ein letztes Mal Pate, und seither hat mein vergrößertes Vaterland die volle nationale Souveränität. Ein Dutzend Jahre nur hatte auch seine Frevelzeit unterm Hakenkreuz gedauert und nicht wenige hierzulande begreifen die Entwick- lung als eine Chance, unter die zeitgeschichtliche Vergangenheit einen Schlußstrich zu ziehen. Der Osten hatte sich sowieso schon immer als unbelasteten Neubeginn verstanden, doch der Alleinvertretungsanspruch des Westteils war janusköpfig, er beinhaltete unausgesprochen auch die Haftung für den Abgrund Auschwitz. In meinen Augen haben die Ossis vor allem in Sachen Mithaftung fürs Dritte Reich einen Nachholbedarf. Die metaphysische Dimension des Hakenkreuzes ist nämlich mit dem bißchen sterilen Antifa von Staats wegen, das sie jahrzehntelang gelernt haben, nicht abgetan. Bezeichnenderweise sind die gewaltbereiten Neonazis im Osten besonders virulent. Den heutigen Nationalfeiertag sollte man nicht verstehen als Chance zum Schlußstrich, sondern als Tag der Gesamthaftung für das abgründige Erbe der Väter- und Großvätergeneration. In dem Maß, wie die metaphysische Dimension des Hakenkreuzes im Bewußtsein lebendig gehalten wird, geraten nämlich auch die heilsgeschichtlichen Dimensionen von Golgatha in den Blick, und das ist, mit dem Gottesbezug der Präambel des nun gemeinsamen Grundgesetzes, letzten Endes auch Verfassungs- auftrag. Es bräuchte an der Spitze der Gesellchaft Leute mit Tiefgang, um diesen zu vollziehen. Leider fehlt es den weiteramtierenden 68ern diesbezüglich vollkommen an Problembewußtsein. Neben dem ersten Mal ist der heutige Tag der andere weltliche Feiertag im Kalender. Ihm auch einen religiösen Akzent abzugewinnen, erfordert Kopfzerbrechen, wenn man Geschichtsmetaphysik ablehnt und die Einheit vor zwölf Jahren nicht als Wunder begreift. Vielleicht haben ja wirklich achtzig Millionen Schutzengel in meinem Land das Ende des kalten Krieges herbeigeführt. Aber bestimmt nicht, damit wir uns zurücklehnen und den Nachkommen den Abgrund Auschwitz als politische Kategorie verharmlosen. Daß dem Frevel Gnade werde, setzt die Gesamthaftung der Nation voraus. Es ist die Nation nach dem Sündenfall, die Nation der Erwachsenen am Kinder- gartenzaun, innerhalb dessen träumende Unschuld Fangamandel und Räu- ber und Schandi spielt. Ein Schlußstrich würde uns wieder infantil machen. Das wolle Gott nicht.