Thema: Todestag

Montag, 30.9.2002. Das von dem vormals atheistischen Mystiker wider Willen, André Frossard, in seinem Blankoscheck für das katholische Lehramt mit beglaubigte Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel deutet darauf hin, daß das letzte Ziel der Vorsehung, Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, im Darüberhinaus des Grabes die wiedererkannbare transzendent-somatische Codierung unseres Selbst voraussetzt. Ein mir persönlich bekannter Nahtoderfahrener ist, bei seinem durch einen Autounfall erzwungenen Ausflug an die Schwelle des Umgreifenden, seiner weißgekleideten Großmutter “in den besten Jahren” begegnet, die schon vor längerem verstorben war. Sie bedeutete ihm, es sei noch nicht Zeit und er “erwachte” in der Intensivstation. Nach der heute herrschenden Meinung ist der Tod eine absolute Grenze. Ich aber be- trachte ihn, schon aus Gründen des Gehirn-Geist-Dualismus, als Brücke. Deshalb kann ich den heutigen neunundzwanzigsten Todestag meiner Mutter als den ebensovielten Geburtstag verstehen, als Jahrestag einer Geburt in das Umgreifende hinein. Auch die Kirche nimmt Todestage für wichtiger als die Tage der Geburt in die Immanenz. Sie strukturiert mit Ihnen den Heiligenkalender, der wieder die Abfolge der Namenstage regelt. Weder die herrschende Meinung in dieser Frage, noch mein Minderheitenvotum lassen sich beweisen. Für meine Auffassung sprechen nur eine Reihe von Indizien, so Frossards Theophanie-Zeugnis, die Berichte der Nahtod-Erfahrenen, und die Falsifikation des Gehirn-Geist-Monismus durch Popper und Eccles in Verbindung mit dem Erweis der transzendenz-unmittelbaren Setzung der Einzigartigkeit des Selbst. Wann es schon bei der Verschmelzung von Ei- und Samenelle geschieht, ist bereits der Prozeßabbruch bei ungünstiger Präimplantationsdiagnose Euthanasie, wenn es erst beim ersten Atemzug nach der Geburt geschieht, ist selbst Abtreibung unbedenklich. In der aufkommenden Debatte zu dieser Frage votieren beide Kirchen für den ganzen Menschen ab ovo. Da die normative Kraft des Faktischen aber eine liberalere Auffassung erzwingen wird, geht es wieder um mein Lebensthema, daß dem Frevel Gnade werde. Warum ich mir diesbezüglich heute meine Mutter höheren Orts als die schöne Frau in den besten Jahren vorstelle, hängt mit ihrer späten geistlichen Entwicklung zusammen und mit ihrer Lebensführung, die frei von metaphysischen Hypotheken war, ungeachtet ihrer hakenkreuzbedingten Verblendung am Anfang meiner Biographie. Eigentlich war sie es, die mir das vierte Gebot brennend aktuell gemacht und mir mein Lebensthema aufgeprägt hat. Am Problembewußtsein hat es ihr in der Nachkriegszeit, im Gegensatz zu ihrem Lebensgefährten, jedenfalls nicht gefehlt. Daß sie mir zwei Jahre vor ihrem Tod ihr apologetisches Hakenkreuz-Tagebuch auf die Seele band, war ein Auftrag, an dem ich heute noch arbeite. Das drückt sich auch in meiner an sich undualistischen Grablichtleinpietät aus. Nach dem morgigen Bankbesuch habe ich mein Friedhofsgeld endlich beisammen, knapp zwölf Hunderter in alter Währung für Grabpflege und Grabkreuzrenovierung. Ich verwahre die Scheine in dem radioaktiven Dossier aus der Zeit vor und nach meiner Geburt. So wie die Verfasserin an mir nur ihre Pflicht getan hat, tue ich jetzt die meine an ihr. Möge sie zu meinen Lebzeiten hiennieden wenigstens ein gepflegtes Postfach haben, damit die Leute sehen, wie ich sie um drei Ecken herum endlich liebe.