Thema: Verantwortung

Mittwoch, 25.9.2002. Es gilt zwar als ausgemacht, daß mir nun schon seit längerem nach der Auftauphase aus dem Morgensumpf heraus jedesmal ein vorzeigbarer Text gelingt, doch selbstverständlich ist das nicht. Immer neu ereignet sich dabei das Wunder der Verantwortung für die creatio ex nihilo auf einem weißen Blatt Papier. Was ich einmal geschrieben habe, macht mich nämlich für sich verantwortlich. Da ich ganz auf den Pol Selbst der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt gesetzt habe, reicht es bei mir nur für die Literaturform des heuristischen Tagebuchs, bei der ich selbst der rote Faden bin. Da ich, wie die Phase vor der Parlamentswahl gezeigt hat, al fresco schreibe, kann ich Fehleinschätzungen nicht nachträg- lich korrigieren, allenfalls kann ich die Schreibmaschine schweigen lassen und das mißratene Blatt auf dem Kompost in der Vitrine zum Gros der internen Texte legen. Die vorzeigbaren Texte dagegen sind, wie von der Sehne geschnellte Pfeile, nicht rückholbar und binden mich ein in die Verantwortung für die steuernde Kraft von Bedeutungen in Poppers Welt drei, wenn sie denn gedruckt das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollten, was ja auch posthum noch möglich ist. Mit ”Kreativität” wäre mein schrift- liches Tun falsch etikettiert, das ist die Vokabel für wohlwollende Nicht- befassung. In größtmöglicher Ehrlichkeit erhebe ich durchaus den An- spruch, dem Durst nach wahrer Orientierung nicht hochprozentigen Zeit- geist zu reichen, sondern ein zielführendes Angebot zu machen. Diese Ehr- lichkeit beim Schreiben wirkt denn auch auf mein Leben zurück. Ich muß anschließend d a s leben, was ich geschrieben habe und darf nichts leben, was ich nicht schreiben könnte. Eine retrospektive autobiographische Be- mühung, zu der ich wegen meines schlechten Gedächtnisses nicht fähig bin, hätte demgegen- über den Vorteil der Verklärung in der Abendsonne meines Lebens. Nach partieller Amnesie würde mich daran aber auch der kalte Blick aus dem Off hindern, mein primäres Handicap, das sich selbst heute noch zwischen dem Er- wachen und dem Wortimpuls am Schreib- platz bemerkbar macht. Da ich meine Texte nicht vor einem fest umris- senen Leserkreis, sondern vor dem Unennbaren zu verantworten habe, eignet ihnen auch Gebetscharakter. Meine späte Sumpfvogel-Frömmigkeit ist zwar wegen des Damoklesschwerts einer neuerlichen Schatteninflation kirchenfern, aber darum nicht weniger unverbrüchlich. Ich bin dankbar, daß ich durch die Kirchensteuer meine Zustimmung zum katholischen Lehr- amt ausdrücken kann, ohne der Kirchenpflicht genügen zu müssen, die ich auch wegen meiner lutherischen Herkunftskonfession mangels frühkind- licher Dressur nicht so ernst nehmen muß. Sollte es mir gelingen, in meinem Streben nach Sagbarkeit dessen, was letztlich zählt, einen Beitrag zum in- spirierten Bruchteil von Poppers Welt drei zu leisten, so wäre ich sogar im Einklang mit Gottes lenkendem Schaffen, ein Mitarbeiter des Unnennbaren. Das ist freilich nur möglich als Goldstaub im Flußsand, nicht in Reinkultur. Veröffentlichtenfalls könnten vielleicht professionelle Fourtyniner theolo- gisches Kapital daraus schlagen im Sinne der von mir angepeilten Theo- logie der Seinsstruktur. Bis dahin gilt mir mein Claim als Wert in sich selbst. Schreiben hilft leben.