Thema: Goldstaub

Montag, 26.8.2002. Wer ein heuristisches Tagebuch liest, darf sich nicht wundern, wenn viel vom Verfasser die Rede ist. Deshalb mache ich mir kein Gewissen daraus, daß die angekündigten kurzen Studien zur seins- strukturellen Ganzheit Selbst, Welt und Transzendenz vorwiegend autobio- graphische Züge tragen. Im Grunde läßt sich unter dieser Rubrik ja alles sagen, wenn es nur auch ein bißchen von heuristischem Belang ist. Und ein Gran Sagbarkeit lerne ich, und läßt sich lernen, bei jedem dieser Texte. Getreu dem Wortspiel der planenden Verwaltung, in der ich beruflich tätig war, “man kann über alles reden, nur nicht über eine DIN-A4-Seite”, liegt in Ihnen in der Kürze der Würze. Die journalistischen Profis nennen einen nicht endenwollenden redaktionellen Beitrag einen “Riemen”, und an den alten Telefonzellen stand zu lesen “fasse dich kurz, nimm Rücksicht auf Wartende”. Ich stelle mir einen Leser vor, der mein Schriftgut ungeduldig durch- mustert, ob etwas für ihn dabei ist, und dann seinerseits zu pro- duzieren anfängt. Tut mir leid, so hab’ ich’s im Beruf gelernt. Zu Zauber- berghöhen kann und mag ich mich gar nicht aufschwingen. Das Risiko, den Leser zu langweilen, ist geringer, wenn nach einer DIN-A4-Seite ein neuer Tag, ein neues Glück beginnt. Jawohl, Glück: Da ich auf intellektuelle Leis- tung dressiert bin, ist Schreiben für mich Lebenshilfe, und ich genieße jeden Morgen neu die creatio ex nihilo meines Griffels vom Wortimpuls bis zum Schlußpunkt. Denn nach dem Erwachen habe ich nichts, buchstäblich nichts zu bieten und genauso ist es wieder nach Textende. Die uneinge- schränkte Voraussetzungslosigkeit meines schriftlichen Tuns hat auch ihr Gutes. Mag es allemal mit der asymptotischen Annäherung an die objektive und absolute Wahrheit noch hapern, so ist doch wenigstens größtmögliche Ehrlichkeit gewährleistet, weil durch die Patchwork-Technik die Osten- tation und der Selbstbetrug minimiert werden. Der einzige rote Faden bin ich sozusagen selbst. Dafür bin ich durch die Selbstbespiegelung und auch Selbstkritik auf Grund meines extrauterinen Handicaps bestens ausgerüstet. Der Pol Welt der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt dagegen ist bei mir krass unterbelichtet, weshalb as auch nie für einen Roman reichen würde. Da der Pol Selbst ohnehin der Transzendenz, dem was letztlich zählt, näher steht, ist das kein Schade. Man soll nichts wollen, aber eins will ich doch: dem inspirierten Bruchteil von Poppers Welt drei ein Gran Sag- barkeit über das, was letztlich zählt, hinzufügen. Daß es sich dabei nur gleichsam um Goldstaub im Flußsand handeln kann, ist offentsichtlich. Aber auch damit wäre ich schon zufrieden. Mögen dann professionelle Fourty- niner theologisches Kapital daraus schlagen. Meinen Claim habe ich jeden- falls mit dem heuristischen Tagebuch abgesteckt, und ich denke, er ist ziel- führend im Sinne meiner Intention. Wen diese kalt läßt, der soll sich Mehr- vondemselben widmen und dann in seiner “Eigenschaft als” zu Grabe ge- tragen werden. Ich bin nur der Einzelne. Aber der Einzelne vor Gott, und das macht meine Selbstbespiegelung exemplarisch und literaturfähig. Da ich um strukturelle Verallgemeinbarkeit meines Selbst bemüht bin, nehme ich in der entscheidenen Frage nichts für mich in Anspruch, was nicht für alle gelten könnte. Insofern ist es auch Goldstaub mit Marktwert und nicht nur Flußsand.