Thema: Das Aufatmen

Mittwoch, 21.8.2002. Der Krebsverdacht bei meiner Frau, der im Ultra- schallbild aufgetreten war, hat sich gestern Nachmittag im Computertomo- gramm nicht bestätigt. Ich verstehe das als erhaltendes Schaffen Gottes auf Fürsprache Mariens, als Segen zum Runterbeißen. Das Runterbeißen meint natürlich nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern das Wohl aller irdischen Leiblichkeit. Die somatisch codierte Geistigkeit des Ewigweiblichen im Himmel, die seit dem Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel in die Reichweite des Erkennens gerückt ist, bedeutet für alle Mütter und Töchter einen mächtigen Brückenkopf in der Transzendenz, der sie von den Strapazen des Durstes nach wahrer Orientierung entbindet. Weibliches Führwahrhalten und Ergriffensein bezieht sich mehr auf das Runterbeißen, männlicher Glaube mehr auf das Erkennen. Seit dem Dogma Pius’ XII. wissen wir, daß beide Dimensionen gleichwertig sind und auch in der Transzendenz gleichen Rang beanspruchen können. So will ich denn meine Sorge um die geistliche Entwicklung von Frau und Tochter fahren lassen und ihre unbestreitbare Orthopraxie als implizite Marianität ver- stehen, wenn sie auch das katholische Marienbild mit giftiger Verachtung betrachten.- Der Krebsverdacht bezog sich auf die Bauchspeicheldrüse, was bedeutet hätte, daß ich die Mutter meiner Kinder in vier Monaten hätte zu Grabe tragen müssen. Weil aber ich es bin, der schon seit geraumer Zeit beim Kreuz zur Landung ansetzt, wäre das für mich der Super-GAU gewesen. Insofern ist die gestrige Entwarnung für m i c h der Segen zum Runterbeißen, während die Betroffene selbst nur aufatmend zur Tagesordnung übergeht. Ein so gezielter Gunstbeweis vom lieben Gott bringt meine ganze heroische Theologie der Seinsstruktur durcheinander. Da ich ja von wenn auch niederem Hiobsadel bin, ist diese auf alles gefaßt, ohne je das Theodizeeproblem aufzu- werfen. Im Hintergrund gähnt hier natürlich der Abgrund Auschwitz. Denen, die da litten, war kein Aufatmen gegönnt.- Vielleicht habe ich bisher das Mariengeheimnis zu wenig in den Blick genommen. Es gibt katholische Gottesmänner, die Maria das Sponsoring bis hinein in ihr Portemonnaie zuschreiben. Wenn ich auf dieser Linie weiterdenke, so war die Entwarnung gestern Nachmittag eine Folge dessen, daß ich gestern Vormittag für das katholische Marienbild schriftlich eine Lanze gebrochen habe. Ich bete ja mit dem Griffel. Also war es vielleicht wirklich ein Fall von Gebetserhörung. Und das steht nicht in Widerspruch zu meiner Theologie der Seinssstruktur. Übrigens wußte ich nichts von dem Vorhaben meiner Frau, nachmittags zur Untersuchung zu gehen, so daß es meinen diskursiven Mariengebet an jeder Ostentation fehlte, wahrscheinlich ein wichtiger Faktor für das Gelingen. Da nach meiner Auffassung schon der Wille Gottes sich so sparsam manifestiert, meine ich, man solle nichts wollen, weil man ja auch nichteinmal wollen kann, was man will. Daß ich aus alledem hier ein Buch machen will, ist bereits ein Verstoß gegen meinen Avoluntarismus. Gerechtfertigt ist das nur durch die Vermutung, ich könnte tatsächlich einen Diskussionsbeitrag leisten. Durch die Patchwork-Technik meines schriftlichen Tuns ist jedenfalls ist jedenfalls die Ostentation minimiert. Im Erfolgsfall entsteht ein Fleckerlteppich aus zweihundert Aufschwüngen, denn mein Totemtier ist ein Sumpfvogel und ich schreibe aus dem Morgensumpf heraus. Jeder Text ist der Wärmetod-Drift des Willens der Dinge zum Nichts nach dem Entropiegesetz abgerungen, jeder ein kleines Manifest der existentiellen Negentropie. Mit dem Schlußpunkt habe ich mein Pulver verschossen. Versuche, am Nachmittag nochmal zu schreiben, landen regelmäßig im Papierkorb. Möge mein heutiges Dankgebet gelten.