Thema: Das Geheimnis

Donnerstag, 20.8.2002. Frossards Blankoscheck fürs katholische Lehr- amt nimmt nur die Ewigkeit der Hölle aus, umfaßt also auch das Dogma von der jungfräulichen Geburt Christi. Dieses ist für den ajesuanischen Theismus meiner Tochter der massivste Stolperstein auf dem Weg zum Christsein. Ich akzeptiere das Dogma blind, aus dem einzigen Grund, weil der vormals atheistische Mystiker wider Willen nach seiner überwältigen- den Erfahrung der Evidenz eines liebenden Gottes auch dafür gutgesagt hat. Es ist ja auch die Universalität der wahren heilsgeschichtlichen Dimensionen von Golgatha viel leichter zu begründen, wenn es in Bethlehem bei der Menschwerdung übernatürlich zugegangen ist. Sonst läge immer der Ver- dacht nahe, daß es sich am Kreuz nur um den Martertod eines gescheiter- ten Reformjuden gehandelt hat. Und wenn diese Dimensionen nicht Adams verfluchten Ackerboden und den Abgrund Auschwitz versöhnend über- wölben, dann ist nicht nur die Bibel, sondern auch Frossards Theophanie-Zeugnis Makulatur. Dagegen steht aber mindestens der Glaubensge- horsam von einer Milliarde Katholiken. Deshalb nennt, wer Jungfrau Maria sagt, das Kreuz zugleich den Durchgang zu unsagbarer Vollendung, durch die Liebe, die getötet lebendig macht, die Liebe, die Gott ist. Wer sich aber gegen die Übernatürlichkeit der Menschwerdung in Bethlehem aufbäumt, dem ist auch das Kreuz nur ein Martergerüst, ein Ärgernis und eine Torheit. Erstaunlicherweise bringen nicht wenige Protestanten es fertig, das Kreuz als Heilssymbol zu betrachten und die Jungfräulichkeit Mariens im Evangelium als antike mythologische Denkfigur abzutun. Wer will, daß man auch das Hakenkreuz am Kreuzesstamm von Golgatha endlagern kann, darf diesen Weg nicht gehen. Es ist die Monumentalität des Frevels in der lapsarischen conditio humana, die bei der Geburt des Heilands ein Wunder erheischt. Wer dieses Wunder in Abrede stellt, verharmlost unter anderem Auschwitz. Die drei Mariendogmen, das der Erbsündlosigkeit, das der Jungfräulichkeit und das der leiblichen Aufnahme in den Himmel, bilden eine Einheit, die leider zur Trutzburg des reaktionären Katholizismus geworden ist, so daß man leicht unter falschen Verdacht gerät, wenn man ihnen das Wort redet. Wem die Bibel nichts sagt und wem Frossard nichts sagt, dem werden sich bei der jungfräulichen Muttergottes immer die Nackenhaare sträuben. So meiner Frau und meiner Tochter, und darum mußte ich gestern stumm bleiben, als das Töchterchen mich diesbezüglich am Portepee faßte. An Maria scheiden sich schon die konfessionellen Geister und auch ich habe als Konvertit lutherische Instinkte niederzuhalten, wenn ich morgens und abends das Ave Maria in mein Gebetsleben einbeziehe. Zum Rosenkranz beispielsweise reicht es bei mir nicht, und auch nicht zur Maiandacht. Deshalb hatte meine Tochter gestern genau gezielt. Maria ist ein Geheimnis. Die ungezählten Marienerscheinungen durch die Jahrhunderte, auf allen Kontinenten, nicht selten verbunden mit anschließenden Heilungswundern, bezeugen, daß mehr dahinter steckt, als unsre Schulweisheit sich träumt, Horatio. Mehr darüber zu sagen, überschritte die Grenze der Sagbarkeit dessen, was letztlich zählt. Jedenfalls hat das Geheimnis mehr mit Runterbeißen als mit Erkennen zu tun, geht also über meine Kompetenz.