Thema: Glaube und Handeln

Donnerstag, 4.7.2002. Wenn ich es recht bedenke, habe ich vom Evangelium wenig Begriff, und ist mein Glaube eher der Theismus von Philosophie und Wissenschaft. Das liegt daran, daß ich die Bibel nicht für dogmatisches Barrengold, sondern nur für goldhaltiges Gestein erachte, das nur durch theologische Raffination von seinem zeitgebundenen redaktio- nellen Abraum befreit und in seinem Offenbarungscharakter erwiesen werden kann. Da es mir an den Voraussetzungen für diese Raffination fehlt, bleibt mir die Bibel zugeklappt, um mir nicht durch Biblizismus den Glauben zu verballhornen. Ich lasse mir von der großen Theologie die Lebens- bürgschaft Jesu für einen liebenden Gott gesagt sein und vom katholischen Lehramt die metaphysischen Implikationen der Menschwerdung in Stall und Krippe, aber eine buchstäbliche Kenntnis der frohen Botschaft ist damit nicht verbunden, zumal es sich dabei nicht zuletzt auch um eine Drohbotschaft handelt. Wenn ich ermesse, daß einskommaacht Milliarden Christen, darunter eine Milliarde Katholiken, die Bibel in die Hand nehmen können, um ungeschützt die dämonische Spaltung im Gottesbild der Evangelien nachzulesen, dann wird mir angst und bang. Meine Auffassung könnte man am ehesten jesuanischen Theismus nennen, womit gesagt ist, daß ich die Schlacken der Bibel nicht mitmache, daß bei mir zu vollgütigem Christsein also noch ein ganzer Bauernschuh fehlt. Damit geht mir natürlich die Welthaltigkeit des Evangeliums verloren, die sich immer wieder punk- tuell einmal als befreiende Kraft für die Mühseligen und Beladenen, die Ent- erbten und Entrechteten erwiesen hat. Andererseits hat sie aber auch durch Mißbrauch dazu geführt, daß das Christentum die Aufklärung nicht bewirkt, sondern nötig gemacht hat. Diese hat nun das Erbe des christlichen Welt- bezugs angetreten und ihn weitgehend überflüssig gemacht, so daß ich als jesuanischer Theist nicht viel verpasse, wenn ich mein Handeln nicht am Evangelium, sondern an Philosophie und Wissenschaft ausrichte. Die Aus- wahl, die ich dabei notwendig zu treffen habe, ist freilich jesuanisch getönt, die einzig mögliche Form, mit Jesus Politik zu machen, ohne ihn ein zweites Mal zu kreuzigen. Gestern habe ich im Radio Heiner Geißler die befreiende Kraft des Evangeliums auf dem Hintergrund einer Christenheit von 1,8 Milliarden Menschen preisen hören. Ich war berauscht, hatte aber heute Morgen einen Kater. Solange nicht jedem Bibelleser ein großer Theologe reinen Herzens zur Seite steht, hat Christsein in der Welt keine Zukunft. In die Hände gespuckt haben schon viele. Die Feinsteuerung des Weltge- triebes ist geprägt durch die Absichten von derzeit sechs Milliarden Menschen auf der Basis von Zufall und Notwendigkeit. Geschichtsmeta- physik hat da keine Chance, Hegel zum Trotz. Es reimt sich nicht hienieden Knüttelverse gab es schon genug.