Thema: Bürgschaften des Kreuzes

Freitag, 1.2.2002. Mein Glaube ist ein kirchenfernes Blümchen an der Mauer des Agnostizismus, das immer versucht ist dahinzuwelken. Doch wir leben in heuristisch privilegierten Zeiten und Breiten, da läßt schon der Durst nach wahrer Orientierung das Schlappmachen nicht zu. Ich will im folgenden bilanzieren, was mich in aller Anfechtung kognitiv immer wieder bei der Stange hält. Da ist einmal 1935 in Paris André Frossards Erfahrung der Evidenz Gottes im Sinne des katholischen Gottesbildes. Dann 1944 eine Erscheinung Jesu im Frauen-KZ Ravensbrück, widerfahren der Widerstandskämpferin und Sängerin Eva Busch, die für den Rest des Lebens daraus den Schluß kumpelhafter Vertrautheit zog. Dann 1972 die Falsifikation des Gehirn-Geist-Monismus durch Popper und Eccles, und des Nobelpreisträgers Eccles Nachweis der denknotwendig transzendenz- unmittelbar gesetzten Einzigartigkeit des Selbst. Dann ab 1975 die Türspalt- Metaphysik der Berichte von Nahtod-Erfahrenen. Schließlich, aber nicht zuletzt, ex negativo die metaphysische Hypothek des Abgrunds Auschwitz, die das eschatologische Büro der katholischen Kirche zum Schweigen gebracht hat und die Universalität des Mysteriums Christi völlig neu ver- stehen lehrt. Wer das heuristische Potential dessen, was wirklich zählt, ausschöpfen will, muß sich auf diese sechs Punkte einen Reim machen. Es ist für einen Kaltschultrigen kein Leichtes, das Sein Gottes und Jesu Christi, die Unsterblichkeit der Seele und die Metaphysik des Abgrunds im Licht der autonomen, nicht der heteronomen Vernunft vorgeführt zu bekommen. Und doch müßte er, wenn er intellektuell redlich sein will, Stellung beziehen. Er behilft sich mit Sekretierung und Totschweigen. Die Heteronomen in den Kirchen machen es aus spiegelverkehrten Motiven genauso. Es könnte ja sein, daß autonomer Sand in Getriebe gerät. Die Getriebe beider Lager sind mir vom Herzen zuwider. Dennoch habe ich eine Wahl getroffen und das Blümchen meines Glaubens an die Mauer des Agnostizismus gepflanzt, weil es hier zwar am Rande blüht, aber doch die Chance hat, exotisch zu gelten, während es im gemeindechristlichen Rosenbeet vollends für nichts geachtet würde. Mein Gewährsmann ist dabei Sören Kierkegaard, der dem Einzelnen vor Gott den Primat vor der Kategorie Menge einräumte. Nun könnten meine sechs Punkte als Versuch verstanden werden, zwangs- weise Proselyten zu machen. Nichts liegt mir ferner. Jeder muß sterben, und bis dahin gilt es anständig zu leben. Mehr als das hat mein Glaube letzlich nicht zu sagen. Was darüber hinausgeht, ist nur ein bißchen E=m.c2, aus dem hoffentlich keine eschato- logische Atombombe wird. Davon zu wissen, ist nicht Alltag, sondern Sache derer jenseits des Kindergarten- zauns, einzelner Metaphysiker des Abgrunds, die eine Gefolgschaft gar nicht brauchen können.