Thema: Der Tausendfüßler

Sonntag, 27.1.2008. Heute war mir in der Golem-Phase, als sei dies meine Basisidentität, das Eigentliche in mir. Daß der Hirnstoffwechsel während der Depression lügt, war außer Reichweite des Puddings in meinem Kopf. Der selbstironische Schnappschuß als Dorfdepp von Wolkenkuckucksheim schon lebenslang schien mir gut getroffen. Um den Preis der sonstigen Armut wohnend fand ich dann zwischen Aschenbecher und Kaffeetasse wieder zur introspektiven Eigendistanz zurück. Gestern hatte ich mich am Internet-Text festgehalten und konstatiert, daß dabei objektiv Inspiration im Spiel war. Das bin ich also auch. Die Rückwendung des Erkennens auf das eigene Ich ist nur so weit möglich, als darin Erkennender und Erkanntes nicht völlig identisch sind. Praktisch steht der Selbsterkenntnis die zweifache Schwierigkeit des fehlenden Abstandes und der durch die Selbstliebe sich nahelegenden Selbsttäuschungen entgegen. Für die Gestaltung der eigenen Persönlichkeit ist die Selbsterkenntnis jedoch entscheidend und wurde schon in der griechischen Antike als Grundlage allen tieferen Denkens gefordert, so besonders von Sokrates. Die Selbsterkenntnis als Grundlage allen tieferen Denkens unterscheidet sich dadurch von der Nabelschau. Sie ist Mittel zum Zweck, und zwar zu einem guten Zweck. Die Voraussetzungen, Prinzipien und Grenzen des Erkennnens überhaupt müssen dabei bewußtgemacht werden. Mein Tagebuch einer Zimmerlinde ist demnach mehr als eine Bauchnabelchronik, nämlich die Propädeutik zu tieferem Denken, von der auch ein außenstehender Leser profitieren könnte. Es kann einem allerdings dabei so gehen, wie dem Tausendfüßler, der übers Marschieren nachgedacht hat und darob ins Stolpern gerät. Für diesmal habe ich jedenfalls die Basisidentität der Golem-Phase falsifiziert. Als Dorfdepp von Wolkenkuckucksheim werde ich unter Wert gehandelt. Ich mag in puncto Selbsterkenntnis einen heuristischen Vorsprung haben, weil es bei mir mit der Selbstliebe wahrlich nicht weit her ist. Und das Fehlen des Abstandes wird ausgeglichen durch kontinuierliches schriftliches Tun, unterbrochen durch den Nachtschlaf und die Morgendepression. Voraussetzung für mein spätbiographisches Beginnen ist allerdings eine vita contemplativa, die durch die Früchte einer vorgängigen vita activa finanziert wird. In dieser habe ich tatsächlich nur als Dorfdepp von Wolkenkuckucksheim knapp das Klassenziel erreicht. Deshalb konnte ich mir dabei keinen Namen machen, der jetzt meinem schriftlichen Tun Marktchancen verleihen würde. Die filmreife Geschichte meines Berufslebens zu schreiben, wäre Bauchnabelchronik, einschlägige Ansätze habe ich konsequent entsorgt. Heute bin ich nur noch der Tausendfüßler, der übers Marschieren nachdenkt. Vom Dorfdeppen zum Tausendfüßler war es eine langwierige Metamorphose. Sie hat ein Jahrzehnt als Büromensch in Rente gedauert. Meine Familie war dabei keine Hilfe, denn sie besteht aus harten Faktischen vom Pol Welt der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt. Ich siedle seit jeher am Pol Selbst, woraus sich mein Standort Wolkenkuckucksheim ergibt. Dies ist zwar zuweilen für brauchbare Inspiration gut, aber selten genug “Der Junge träumt gern”, hieß es in meinem ersten Schulzeugnis von 1946. So eingefädelt wuchs ich hinein in meine spätere Rolle des Dorfdeppen unter lauter harten Faktischen, was mir vier Jahrzehnte später von der damaligen Stadtspitze sogar presseöffentlich attestiert wurde. Immerhin war ich  weltklug  genug, es mit ehelicher Hilfe zu Haus und Grund zu bringen, wenn auch nicht in einer ehrenvollen “Eigenschaft als” außer der “als solcher”. Jetzt bin ich mit siebenundsechzig aus dem Gröbsten raus. “Jugend ist ein Übel, das sich mit jedem Tag verringert”, sagte G. B. Shaw. Meine Frau ist junggeblieben, ich habe mich entwickelt. Ich altere mit Andacht hinweg vom biographischen Schrott meiner Anfänge. In praxi sieht das so aus, daß ich mich von allem entledigt habe, was in meinen Augen überflüssig ist wie ein Kropf: Fernseher, Auto, Mobiltelefon, Kühlschrank, Waschmaschine, Plattenspieler und Elektronikkauderwelsch aller Art. Einzig ein Faxgerät hält Verbindung mit der Schönen Neuen Welt in Gestalt des Internetzugangs meines Sohnes. Da auch die Schreibmaschine den Geist aufgegeben hat, faxe ich handschriftlich, was er gegebenenfalls in den Computer tippt und ins Internet stellt. Das Fax-Gerät, ein kleines Radio und ein Festnetztelefon ohne Anrufbeantworter sind die einzigen Zeugen dessen, daß ich der Welt noch nicht gänzlich abhandengekommen bin. Der Strom kommt aus der Steckdose und die Wärme aus der Gasheizung. Das kostet einen Haufen Geld, um dessentwillen ich sonst arm bin wie eine Kirchenmaus. Doch wenn ich am Sohn sehe, was es alles Überflüssiges zu kaufen gibt, bin ich gern arm. Ich muß die Fakten nicht anfassen können, bei mir wohnen sie innen. Ich bin ein Tausendfüßler der Selbsterkenntnis, ich habe mit den Koordinieren der Beinchen genug zu tun. Dabei bin ich guten Mutes, denn nach Popper ist objektive Erkenntnis im Wege von Versuch und Irrtum prinzipiell möglich, weil die Wahrheit objektiv und absolut ist.