Text: Wohl und Wehe

Dienstag, 22.1.2002. Ich glaube an Gottes ursprüngliches Schaffen im Fall der Entstehung des Gesamtapparats Immanenz und der transzendenz- unmittelbar gesetzten Einzigartigkeit des Selbst. Auch Gottes erhaltendes Schaffen scheint mir durch das Wunder der Normalität und durch die grundierte Leinwand verbürgt, auf die Zufall und Notwendigkeit ihre wilden Klecksereien malen. Aber die göttliche Feinsteuerung des Weltgetriebes halte ich aus systemischen Gründen für ausgeschlossen und glaube, daß Gottes lenkendes Schaffen sich auf die Garantie der Errreichbarkeit des letzten Ziels der Vorsehung beschränkt, einem Netz gleich, das unter dem Seiltänzer ausgespannt ist. Ich weiß, daß das häretisch klingt und allem Gottverdammt und Gottseidank den Boden entzieht. Allerdings scheint es auch äußerst seltene Fälle zu geben, wo Gott selbst auf die grundierte Leinwand malt, was zumindest auf eine göttliche Grobsteuerung des Weltgetriebes schließen läßt, sonst wäre das gesamte Alte Testament Makulatur. - Meine Auffassung hat den Vorzug, daß sie durch Kosmologie und Neodarwinismus nicht ausgehebelt werden kann. Der Naturfröm- migkeit, der Geschichtsfrömmigkeit und der persönlichen Schicksals- frömmigkeit jedenfalls erteilt sie eine Absage, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ich glaube mich liebend gesehen und gehalten, aber nicht geführt, auch wenn mir in der Immanenz daraus keine biographischen Vor- teile erwachsen. Die Nähe Gottes ist für mich durch seine Partizipations- askese nicht eingeschränkt. Vor allem erblicke ich im Kreuz das Symbol der göttlichen Partizipation am menschlichen Leiden. Im Darüberhinaus des Grabes werde ich in der Transzendenz in Gegenwart der Richtergestalt beim Lebenspanorama den maßgeschneiderten Sinn meines individuellen Erdenwallens erfahren. Bis dahin also Geduld, denn es reimt sich nicht hienieden. - Vor allem der Theodizee-Atheismus hat bei meiner erkenntnis- theoretischen Frontbegradigung schlechte Karten. Dutzende laufender Meter von Meisterwerken Hochbegabter erweisen sich auf diesem Hintergrund als zu kurz gedacht oder falsch eingefädelt. Da ich früher selbst drauf abgefahren bin, ist mir ihre Falsifikation ein persönliches An- liegen. Die Wende brachte für mich André Frossards Theophanie-Büchlein “Gott existiert, ich bin ihm begegnet”. Es ist die Unschuld Gottes, die die Herzen bricht, sagt Frossard. Von da ist es nur ein Katzensprung zur Ab- koppelung des Glaubens vom irdischen Wohl und Wehe, zur Einstufung des Theodizeeproblems als erkenntnistheoretische Naivität. Leichter mag der Gläubige übrigens mit der Illusion metaphysischer Gunstbeweise und pädagogischer Züchtigungen leben, wenn es sich im Rahmen hält. Wo es das aber nicht tut, ist philosophische Besonnenheit unerläßlich. Dazu also höchstvorsorglich die obigen Erwägungen, vom infernalischen Sand im Weltgetriebe, nebenbei bemerkt, ganz zu schweigen.