Thema: Rosen am Horizont

Sonntag, 7.1.2001. Eigentlich ist ja jeder Tag der erste einer zukünftigen Weite, aber dieser hier ist es wegen seiner Nachfolge auf den Schlußpunkt des heiligen Jahres in besonderem Maße. Die Geborgenheit der unsicht- baren römischen Mauern um die drei Nullen des Kalenders weicht endgültig den disparaten Erwartungshorizonten der Regionen und Ge- nerationen. Viel Wüstenei ist darunter. Das Abendland scheint mit dem Hakenkreuz zu Beginn meiner Biographie seinen ultimativen Störfall auf längere Sicht hinter sich gebracht zu haben. Gebrannte Kinder werden erwachsener als solche in träumender Unschuld, bei im übrigen gleicher Lebenserwartung. Da geistliche Besonnenheit mich mit Andacht altern läßt, betrachte ich das Brandneue und seinen Kult mit den Augen eines saturierten Zaungastes. Mein Sohn wollte das nicht auf sich beruhen lassen und hat mich Weihnachten informationstechnologisch jemandisiert. Nun fehlt mir nur noch ein Glücks-Chip in der Hirnanhangdrüse. Aber Spaß beiseite: viel kann bei dem, was sich prognostisch anbahnt, substanziell nicht herauskommen. Alles hat das Odium von Mehrvondemselben und manches duftet sogar ein bißchen nach Swastika. Als kritischer Nobel- preisendverbraucher könnte ich mir vorstellen, daß sich der mittlerweile empirisch verbürgte Leib-Seele-Dualismus in den nächsten Jahrzehnten gegen die Beharrungsgesetze des Erkenntnismarktes herumspricht, mit unabsehbaren Folgen für die todbezogenen Sprach- und Denkge- wohnheiten. Das wäre dann im übrigen auch achterlicher Wind für die schon obsolet geglaubte christliche Seefahrt, die freilich auch, aber eben nicht nur, monistisch kündet; während es säkular als ausgemacht gilt, daß wir Produkte und künftiger Dünger der Evolution sind. Wenn in der vom Heute gesäumten zukünftigen Weite auch der anthropologische Para- digmenwechsel absehbar wäre, hätte ich um meiner Kinder essentielle Wohlfahrt keine Bange, sonst müßte ich mein generatives Verhalten vielleicht letztlich tragisch nennen. Es hieße, daß so viele Erkenntnispriester über ihren dogmatischen Schatten und über die pekuniäre Klinge zu springen hätten, wie nie zuvor in den Revolutionen der Geistesgeschichte. Eine solche Entwicklung ist absolut nicht in Sicht. Die Fakten dümpeln in einigen Büchern seit einem Vierteljahrhundert vor sich hin und werden sekretiert. Es braucht ein Wunder. Aber auch die Einheit der schwarzrot- goldenen Nation war nicht in Sicht und hat sich doch ereignet. So will ich denn hoffen, daß Zeit Rosen bringt.