Thema: Fischdiskurs

Freitag, 28.12.2001. In der Welt, wo man verhungern, gefoltert werden und auf dem Schlachtfeld verbluten kann, geziemt es sich, über ein bißchen Langeweile mit Dach überm Kopf und ohne knurrenden Magen froh zu sein. Schopenhauer hatte noch die Langeweile der Sorge als gleichrangiges Übel an die Seite gestellt, doch weiß ich sie im obigen Sinne zu schätzen. Übrigens denke ich, man sollte den Glauben vom Schicksal abkoppeln. Es reimt sich nicht, hienieden. Letzten Aufschluß erhalten wir erst in der Transzendenz. Das eigene und fremde Wohl und Wehe mit dem Auf und Ab des Glaubens zu verknüpfen, ist erkenntnistheoretisch Naivität. Gegen Berichte von Gebetserhörungen bin ich, nach Auschwitz, sogar allergisch. Ich habe sogar geweihte Gottesmänner der Madonna das Sponsoring bis hinein ins Portemonnaie zutrauen hören. In der Bezugnahme auf das Mys- terium Christi gilt es, die Lücke zu finden zwischen kalter Schulter und kompromittierendem Glaubenseifer. Nach Backbord fällt mir Distanz nicht schwer, aber an Steuerbord kommt es immer wieder zu Schrammen. Wenn man zu mehreren glaubt, schaukelt sich leicht etwas auf, was in den Wald hineinführt und durch die metaphysischen Tatsachen nicht gedeckt ist. Das ist keine Absage an den notwendigen religiösen Betrieb der Kirche, aber doch eine Parteinahme für Kierkegaard, der den Einzelnen vor Gott der Menge kategorial gegenüberstellt und ihm den ontologischen Primat zugemessen hatte. Die ideale Organisationsform solcher Art von Christsein schiene mir: je ein Einzelner unter drei bis vier Kaltschultrigen. Wenn dann allmählich Nachdenklichkeit aufkäme und scheue, behutsame Jesuanität, so wäre zielführend mehr verrichtet, als bei allen Pontifikalämtern im Dom zusammengenommen. So wie Einstein seine Irrtümer liebte, um aus ihnen zu lernen, müßte sich eine Frömmigkeit des klaren Kopfes nicht von Atheismen und Agnostizismen beirren lassen, sondern diese der Sache Jesu anverwandeln wie der Fisch im Wasser den gelösten Sauerstoff seiner Schnellkraft. Langeweile wäre das nicht, aber auch schon Langeweile hat, wie gesagt, ihr Gutes.