Thema: Adventsgeflüster

Freitag, 7.12.2001. Polizeiprotokolle sind die Evangelien nicht, sondern bereits glaubensgedeutete Annäherungen an ein Mysterium. Welche Di- mensionen dieses Mysterium hat, bringt der Johannesprolog zum Ausdruck. Obwohl er als Letzter kommt, sollte man ihn zuerst lesen, um gegen die anfängliche Mühewaltung bei Matthäus resistent zu sein, Jesus bei den Juden als Sohn Davids respektabel zu machen. Mit dem Johannesprolog kompatibel ist nur die Geburtslegende bei Lukas. Diese beiden Texte würde ich gerne an Weihnachten der Familie vorlesen, müßte ich nicht fürchten, der Sache Jesu im ehelichen, ja familiären kalten Krieg diver- gierenden Seinsverständnisses durch Taktlosigkeit einen schlechten Dienst erweisen. Der Sohn ist ja jetzt bald an das ungeheure heuristische Potential des Katholizismus angeschlossen, aber Frau und Tochter zeigen nach wie vor die kalte Schulter. Mit aufgeklappter Bibel am Fest der Familie würde ich den familiären modus vivendi in Frage stellen und letztlich mehr geist- lichen Schaden anrichten als Nutzen stiften. So wird es denn wieder einmal nicht auf Weihnachten, sondern auf X-mas hinauslaufen. Bleibt nur noch der Trost, daß wenigstens die weltweit verbindliche Zeitrechnung die Universalität des Mysteriums Christi zum Ausdruck bringt und daß wenigstens niemand ernsthaft den Nullpunkt ihres Koordinatenkreuzes anzweifeln kann, dem das Kreuz von Golgatha ein Ärgernis und eine Torheit ist. Auch dieses nämlich müßte man unterm Lichterbaum mitbe- denken, und Gottes österliches Handeln dazu, wollte man der Fülle des Geschehens im Stall von Bethlehem Rechnung tragen. Wer auch hier noch die Achseln zuckt, dem sei gesagt, daß auch er zufolge Genesis 3 an der lapsarischen conditio humana Anteil hat, gegen die das Kreuz für jeden einzelnen Menschen heilverheißend aufgerichtet ist. Daß nur die Christen das glauben, ändert nichts an den metaphysischen Tatsachen. André Frossard, der atheistische Mystiker wider Willen, hat nach seiner Er- fahrung der Evidenz Gottes im Jahrzehnte später geschriebenen Bericht das hoch gepokerte katholische Lehramt als in vollem Umfang wahrheits- förmig bezeichnet. Sein Büchlein hat mich katholisch gemacht. Nur ist es hierzulande inzwischen vergriffen, und da man einen Kuß nicht durch Boten überbringen kann, wird´s heuer wohl wieder nur X-mas werden.