Thema: Der Fall Grün

Freitag, 9.11.2001. Heute ist der 63. Jahrestag der Reichspogromnacht. Im Radio eine Hörerdiskussion zur deutschen Kriegsbeteiligung in Zentral- asien. Seit dem elften September ist es für ethisch lupenreinen Pazifismus zu spät. Schuld durch Tat und Schuld durch Unterlassung sind unver- meidlich geworden. Jetzt geht es um Schuldminimierung und Schuldver- gebung. Amerika hat als weltsträrkste Nation in Ruanda eine schwerere metaphysische Hypothek durch Unterlassung von Putativnotwehr auf sich geladen, als es das jetzt im arabischen Wirtsland des Terrorismus durch collaterale Tatschuld tut. Wenn unsere ehemalige Hakenkreuz-Nation jetzt da mitmischen soll, soll man nicht vergessen, daß die conditio humana zufolge Genesis 3 lapsarisch ist, daß also niemand auf Erden mit weißer ethischer Weste zur Selbsterlösung gelangen kann, auch nicht der um gewaltlosen Frieden Bemühte. Vielmehr ist Letzterer gegenüber dem besonnen Tatschuldbereiten in der Position träumender Unschuld, die dem Sündenfall regelmäßig vorausgeht, der ja nicht ein Ereignis in Raum und Zeit, sondern die transhistorische Qualität aller Ereignisse in Raum und Zeit ist. Ich für mein Teil bin lieber schon gefallen, als daß ich es infantil noch vor mir habe. So habe ich wenigstens die Chance, die Universalität des Mysteriums Christi zu ahnen, das d e r marginalisiert, der sich die Hände in Unschuld wäscht. Freilich sollten wir unsere gegenseitige Unversehrtheit im eigenen metaphysischen Interesse strikt respektieren. Doch dort sich raushalten, wo die Kacke am Dampfen ist, ist auch keine Lösung. Der heutige Jahrestag spricht da eine deutliche Sprache. Hätte man den Unsern vor dreiundsechzig Jahren alliiert die Eisen gezeigt, so wäre der Abgrund Auschwitz unterblieben. Strauß hat einmal gesagt, in der landeseigenen Terrorismusbekämpfung gehe es anders zu, als wenn die Franziskaner Suppe austeilen. Wohl braucht es für die propaganda fidei auch franzis- kanische Narrheit. Aber nicht jeder, der im Parlament fürs Raushalten stimmt, ist durch die Wundmale Christi an seinem Leib von guten Mächten transzendent geadelt. Daß allerdings den Bruch des fünften Gebots Gottvertrauen nicht rechtfertigen kann, liegt auf der Hand. Man frevelt unvermeidlich, doch ohne Netz, ob man sich einmischt oder zuschaut. Seit dem elften September ist das so. Der ethische Primat des Pazifismus jedenfalls ist Schnee von gestern. Ich will nicht mehr sagen, als daß in bestimmten historischen Situationen Frevel durch Tun und Frevel durch Unterlassen unvermeidlich sind und daß beim Frevel durch Tun die Universalität des Mysteriums Christi besser im Blick bleibt, als beim Frevel der in Unschuld gewaschenen Hände.