Thema: Die Wahrheitsfrage

Freitag, 7.12.2007.  Gestern hat der Sohn wieder die zweite Texthälfte ins Internet gestellt, welche das errungene religiöse Optimum des Abendlandes apologetisch gegen die Blutspur der Unheilsgeschichte des Christentums aufwiegt. Ich habe mittlerweile zwischen Aschenbecher und Kaffeetasse die Golem-Phase nach Albtraum überwunden und profitiere schreibend vom Interaktionismus der Geistseele aus Übernatur mit dem Bewußtsein aus Materie, das zuvor allein vorherrschte. Die gestrige Unheilsapologie ist ein wichtiger Baustein für die Überzeugungsarbeit gegenüber Andersdenkenden, die ihren Atheismus auf die historische Unwürdigkeit der Einverstandenen gründen. Nicht selten ist dann die Hinwendung zum historisch unbefleckten Buddhismus das Mittel der Wahl. Dagegen macht der jüngste Internet-Text Front unter Bezugnahme auf die Wahrheitsfrage. Wenn die ethischen Früchte an denen sich der Buddhismus erkennen läßt, wie etwa auch die der Zeugen Jehovas, tatsächlich bloß Narrenpflaumen sind, dann sieht der Fall anders aus. Wenn es in der Wahrheitsfrage um nichts geht, dann ist leicht tugendhaft sein. “Repressive Toleranz” nannten das die 68er, denen es um viel ging bis hin zum Terrorismus ihrer Speerspitze, der noch Sartre so beeindruckte, daß er ihm im Hochsicherheitstrakt seine Reverenz erwies. Immerhin haben die 68er “unter den Talaren den Muff von tausend Jahren” entlüftet und die Atmosphäre hierzulande atembar gemacht, das ist kein Geringes. Der Zuchtmeister Wehner hat ihre Dynamik in geordnete Bahnen gelenkt und mit seinem C in der Arbeiterbewegung auch die ins Boot geholt, die mit Marx instinktiv nichts anfangen konnten. Von denen war damals einer auch ich. Ich habe vom “Kapital” nur die ersten fünf Seiten gelesen und dann das Buch für immer zugeklappt. Die 68er-Revolte hat wie die Unheilsgeschichte des Christentums wegen der Wahrheitsfrage auch Blutspesen gekostet und doch wie diese per saldo zielführend etwas Entscheidendes bewegt. Wem “alles aans” ist, wie einem jungen Buddhismus-Konvertiten aus meiner Bekanntschaft, der sich inzwischen in einem Voralpensee ertränkt hat, der hat freilich mit dem abendländischen Durst nach wahrer Orientierung nichts am Hut. Seine nie zweipolige Liebe ohne Emotion und Lohnerwartung durchstrahlte alle Wesen, deren er ansichtig wurde, darunter auch mich, weshalb er mich werbend umarmte und mir anvertraute, Gott sei für ihn “pipifax”. Auch das war ein Fall von repressiver Toleranz und es sträubten sich mir die Nackenhaare. Ich brauchte ihn aber nicht umzubringen, er hat es selbst getan. Das Beispiel zeigt, daß die Wahrheitsfrage so oder so eine solche auf Leben und Tod sein kann. Wenn der letzte Ernst in der Sache Jesu durch zwei Jahrtausende Tod, Blut, Schweiß und Tränen der conditio humana unversehrt bis in unsere Tage tradiert werden konnte, dann darf man sich nicht darüber wundern, daß das Christentum neben Heilsgeschichte auch Unheilsgeschichte war. Ich glaube nicht mit Oswald Spengler an den Untergang des Abendlandes. Ich denke, es ist gerade wieder einmal dabei, sich zu häuten. Ein Indiz für diese Annahme ist die neue Enzyklika des Papstes über die christliche Hoffnung. Sie ist eine metaphysische Revolte gegen den Zeitgeist, der fortlaufend Verrat am Abendland begeht. Die Kirche ficht heute mit geistigen Waffen, nicht mehr mit Inquisition und Scheiterhaufen. Aber sie ist auch nicht mehr das “langweilige und gelangweilte Christentum, das wir aus eigener Erfahrung kennen”. Sie häutet sich und mit ihr der von ihr gegründete Kulturkreis. Für mich wirkt sich das so aus, daß ich wieder hinhöre. Die erste Enzyklika des gegenwärtigen Pontifikats hatte ich kaum zur Kenntnis genommen, denn daß Gott die Liebe ist, beten schon die Kleinkinder der Christgläubigen, bis sie als Große vom alttestamentarischen Sintflut-Zorngott hören, der Feuer und Schwefel über Sodom und Gomorrha regnen ließ. Bei mir mußten über sechs Jahrzehnte vergehen, bis ich zum lieben Gott meiner Kleinkindjahre zurückfand. Dazu war Häresie nötig, nämlich die Herabstufung des Alten Testaments entsprechend seiner Zweckbestimmung als volkserzieherische Urkunde der Einhausung des partikularistischen Monotheismus ex nihilo, auch mit mythologischen  Mitteln. Das Vollicht der natürlichen Gottesoffenbarung strahlt erst im Neuen Testament des universalistischen Monotheismus in dreifacher Ausfaltung. Meine gnostische Häresie hätte der ersten Enzyklika amtskirchlich vorangehen müssen. Das war  aber nicht der Fall, deshalb achtete ich das als politische Sprengkraft gedachte Dokument gering. Ein bitestamentarisches Gottesbild führt notwendig zu pathogenem double-bind. Der Wahrheitsfrage war bei meiner Urteilsbildung durch den frossardschen Gottesbeweis Genüge getan, der die biblische Quintessenz, die Lebens- und Sterbensbürgschaft Jesu für einen allmächtigen liebenden Vatergott, vollinhaltlich bestätigt. Die abendländische Asymptote ist die dichteste an der Achse der objektiven und absoluten Wahrheit, deshalb ist die Wahrheitsfrage gerade hierorts endemisch.