Thema: Ost und West

Donnerstag, 6.12.2007. Die westlich posthum angezielte Fülle des Seins und die östlich posthum angezielte Leere des Nicht-Seins melden sich auch schon in der Diesseitskultur beider Hemisphären zu Wort. Das zeigt sich etwa an der abendländischen Musik, die in Fernost aufgesogen wird wie von einem Löschblatt, während in Gegenrichtung kaum Input festzustellen ist, es sei denn bei zeitgeistelitären Verehrern des heiligen Nichts. Das Ziel Fülle hat sich ebenfalls im Erkenntnisfortschritt und im technischen Fortschritt niedergeschlagen und dem westöstlichen Löschblatteffekt osmotisch Vorschub geleistet. Im Gegenzug hat fernöstliche Weisheit bei den Eliten des Westens Fuß gefaßt und die ohnehin wirren Zeitgeister vollends desorientiert. Ihren Atheismus in weltreligiöse Bahnen lenken zu können, erscheint diesen verlockender als die Umkehr zu den abendländischen Wurzeln, denen sie die relative Fülle ihrer Zivilisation verdanken. An der Westküste von Gottes eigenem Land hat die esoterische Mission bereits Formen angenommen, die einem Verrat am Abendland nahekommen. Die Ideale der Persönlichkeit, der Vernunft und der Freiheit stehen zur Disposition. Intellektuelle, Politiker, Philosophen und Theologen wollen in einer masochistischen Säuberungswut das Kulturerbe zerstören und glauben, damit die "Verbrechen" des Abendlandes sühnen zu müssen. Dessen Ende wäre aber das Ende jeder möglichen Kultur. Die abendländische Verbindung zwischen dem griechischen Gedanken, der römischen Ordnung und dem christlichen Ziel der Fülle des Seins über den Tod hinaus ist unwiederholbar und ein metaphysisches Geheimnis, das sogar die nicht wegzuleugnende Unheilsgeschichte des abendländischen Christentums rechtfertigt. Wer im Westen vor dieser Blutspur seiner Herkunft zurückschaudert, der wendet sich dem Buddhismus zu: Kein Anfang, kein Ende, keine Metaphysik, kein Leib-Seele-Problem, kein Theodizee-Problem, kein Sündenfallproblem, keine Todesfurcht, keine Höllenangst, keine Subjekt-Objekt-Spaltung, folglich auch kein Wahrheitsproblem, kein Wertproblem, kein Ismus  hier und kein Ismus dort- nur ein Ziel: seiner selbst und aller Dinge ledig sein. Allerdings fußt dieses Konzept der raffinierten Schlichtheit auf der irrigen Prämisse, daß der Kosmos ewig und unendlich und als ganzes absolut ist. Die moderne Astrophysik hat aber das Universum als räumlich und zeitlich abzählbar endlich zwischen Urknall und Gravitationskollaps erwiesen.- Insofern hat es die Kennzeichen Werden, Zeitlichkeit, Veränderlichkeit und ist als ganzes kontingent, exsistiert nicht seinsnotwendig. Daraus folgt, es muß von einem transzendenten Absoluten im Sein gehalten werden, das die natürliche Gottesoffenbarung den Schöpfer nennt und in den zwei biblischen Testamenten näher entfaltet. Raffinierte Schlichtheit ohne Konfliktpotential aufgrund einer falschen Prämisse also, contra konfliktträchtige Komplexität beruhend auf wahren Voraussetzungen- das ist die ostwestliche Alternative der staunenswerten ethischen Bilanz gegen die Blutspur der abendländischen Herkunft. Der dem Durst nach wahrer Orientierung entrichtete Blutzoll lastet schwer, wird aber dadurch aufgewogen, daß das damit errungene religiöse Optimum durch die metaphysischen Tatsachen gedeckt ist, wie der frossardsche Gottesbeweis letztinstanzlich zeigt. Der Verrat am Abendland durch schuldig geborene Renegaten ist demnach ein intellektueller Kurzschluß und im Licht intellektueller Redlichkeit nicht zu rechtfertigen. Die Wahrheit ist objektiv und absolut und man kann sich ihr nur asymptotisch annähern, sie nie ganz erreichen. Aber die abendländische Asymptote ist die achsennächste, der die der Konkurrenten im Rang erst nachfolgen. Das Herrenwort sagt zwar “an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen”, und das spricht prima vista für die staunenswerte ethische Bilanz des Buddhismus, aber es gibt auch Geistesfrüchte und die Wahrheit, erdarbt und erstreikt und erlitten wie die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, ist darunter die edelste Frucht, wenn auch benetzt mit dem Blut der Unheilsgeschichte des Christentums. Ich bin wegen meiner Hakenkreuzherkunft doppelt schuldig geboren, sage mich aber von meinen verblendeten Entschlafenen trotzdem nicht los, und erst recht nicht vom letzten Ernst in der Sache Jesu, die durch zweitausend Jahre Tod, Blut, Schweiß und Tränen unversehrt bis zu mir herauf tradiert wurde. Das Christsein weiß, daß schuldig Geborenwerden wegen der Erbsünde unausweichlich ist. Und mündiges Christsein weiß darüberhinaus, daß diese nicht menschlich vollkommen freien Willens selbstverschuldet ist, wie die Bibel sagt, sondern, daß die conditio humana aus evolutionärer Genese stammt, Mitgift von den Tierahnen, nicht gottgewollt, sondern systemische Schicksalsunterworfenheit selbst Gottes unter die Welteigengesetzlichkeit von Nihil, Zufall und Notwendigkeit. Der Erlösertod Christi war ein Heldentod an vorderster Front im siegreichen Kampf gegen die eschatologischen Konsequenzen der conditio humana, gegen den Zwang, das Karmagesetz unter Transzendenzbedingungen anwenden zu müssen. Er hat den eschatologischen Faktor Gnade in die göttliche Jurisdiktion eingebracht.