Thema: Der Grenzgänger

Mittwoch,  5.12.2007.  Von Angesicht kennen wir nur die Diesseite des Todes, die Jenseite bloß von Hörensagen im Sinne der neuen Enzyklika des Papstes. Ich bin auch in Bezug auf Angesicht und Hörensagen ein Grenzgänger. Das Hörensagen setzt den anthropologischen Dualismus voraus. Der wird gestützt durch den Gehirn-Geist-Dualismus von Popper und Eccles sowie von der interkulturellen  Sterbebettstudie von Osis und Haraldsson. Nahtoderfahrungen mögen außer Betracht bleiben, weil sie von der monistischen Zunft der Hirnforscher als Gutenachtgeschichten eines sterbenden Gehirns abgetan werden können, nicht aber die Erfahrungen und Visionen Sterbender, von denen Klinikpersonal in Indien und Übersee den beiden Fragebogen-Forschern statistisch auswertbar berichtet hat, über tausendmal. Nicht bloß die Katholiken, sondern auch die Abermillionen Buddhisten glauben, daß der Tod nur ein Übergang ist.  Und hier setzt eben das Hörensagen der zweiten Papst-Enzyklika an. Der buddhistischen Eschatologie der Leere steht die christliche Eschatologie der Fülle gegenüber. Wie die zu denken ist und aus welchen biblischen Gründen, sagt die Handreichung des Papstes an alle Christgläubigen. Die Andersdenkenden denen mein besonderes Augenmerk gilt, gehen leer aus. So sei ihnen als Propädeutik das antiquarisch noch verfügbare Büchlein “Gott existiert, ich bin ihm begegnet” von André Frossard empfohlen. Es berichtet von einem Andersdenkenden, der am 8. Juli 1935 in einer Kapelle in Paris von der telepathisch kommunizierenden personhaften Evidenz aus Licht an der Spitze der Ordnung im Universum, die Christen “unseren Vater” nennen können, binnen fünf Minuten zu einem glühenden Katholiken gemacht wurde, nachdem er auch die “andere Welt” aus Glanz und Dichte geschaut hatte, vor der unsere Welt in die verwehenden Schatten nicht ausgeträumter Träume zurücksank. Nach der Lektüre des Büchleins werden dem Andersdenkenden auch die Bibelzitate in der Enzyklika verbindlicher scheinen als zuvor, denn Frossard beglaubigte auf seiner Basis empirischer Metaphysik das katholische Lehramt nahezu uneingeschränkt. Sein Bericht, der absolute Glaubwürdigkeit atmet, ist der archimedische Punkt meines Denkens, das ohne ihn längst wieder aus dem Ruder gelaufen wäre. So ist für mich das päpstliche Hörensagen keine Frage des  Gefühls, keine Angelegenheit bloß des Wünschens und Sehnens, sondern die Erwartung dessen, was tatsächlich kommen wird: das gute Leben, der “erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen”. Deshalb sage ich mir bei der Nachricht von nichtsuizidären Todesfällen, jetzt komme auf den Entschlafenen nach der diesseitigen Ambivalenz letztlich das gute Leben zu. Mit Betroffenheit und Trauerarbeit ist es darum in meinem Fall nicht weit her. Das gilt auch für die Niederträchtigsten. Nach persönlichem Gericht garantiert ihnen das Fegefeuer, sagen zu können “unser Schmutz wird uns nicht auf ewig beflecken”. Die Höllenewigkeit wird nämlich von der Enzyklika nicht in Anspruch genommen, bleibt nur als leerer Grenzbegriff erhalten. Die buddhistische Eschatologie der Leere zielt auf Selbsterlösung ins Nirwana, ins Nicht-Sein jenseits der Erscheinungswelt, weil für Buddha der Kosmos ewig und unendlich war und keine andere Ausflucht bot als das Auge des Orkans im Rad der Leiden. Die christliche Eschatologie zielt auf Hoffnung zu Gottes erlösender Gnade im Außen von Raum und Zeit überm Sternenzelt in Fülle des Seins und bleibender Gemeinschaft mit Gott, kurz gesagt auf das gute Leben. Das Angesicht der Diesseite des Todes läßt von alledem nichts ahnen, weshalb ihn Camus ein “schmutziges Abenteuer” nannte und weshalb für den Zeitgeist gilt “das Leben ist schön und mit dem Tod ist alles aus”. Wo das Leben schön ist oder nicht, ist Schicksals- und Geschmacksache, aber alles aus ist mit dem Tod nicht. Die katholische Kirche nimmt auf der Basis gut bezeugter Wunder Heiligsprechungen vor, der Gehirn-Geist-Dualismus von Popper und Eccles bezeugt philosophisch und naturwissenschaftlich die Existenz einer Geistseele aus Übernatur, die mit dem Bewußtsein aus Materie wechselwirkt, und die Studie von Osis und Haraldsson kommt als Fazit hinter der Schwelle des Seins zu einer neuen Form von Wirklichkeit, deren Frieden alles Verstehen übersteigt. Von Frossards geschauter “anderer Welt” gar nicht zu reden. Der anthropologische Dualismus ist zwingend, sein Gegenteil ist Betriebsblindheit und Denkfaulheit, wie suggestiv der Augenschein auch sein mag. Die Grenze zwischen Angesicht und Hörensagen ist für den Grenzgänger durchlässig. Man muß nur wortverständig sein. Hier gilt die Umkehrung der Journalistenregel  “Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder”.