Thema: Bücher

Freitag, 30.11.2007. Zufolge Wittgenstein ist das Leben die Hölle. Aber Erkenntnis und Maß helfen, sie zu bestehen. Mein buddhaisiertes Christsein ist eine solche Form von Erkenntnis und Maß, so daß ich bei klarer Einsicht in die Welteigengesetzlichkeit den Mut nicht suizidär sinken zu lassen brauche. Wittgenstein war dessen nicht teilhaftig, sonst hätte er nicht schreiben können “die Welt ist alles, was der Fall ist”. Die Transzendenz ist auch der Fall und ist nicht die Welt. Kosmologischer Monismus auch hier. Allerdings soll der Sprachlogiker sich gegen Lebensende einem katholischen Mystizismus zugewandt haben. Das würde zeigen, daß ein heller Kopf letztlich gar nicht anders kann, als zu glauben. Das gilt auch für Bergson, der katholisch bestattet werden wollte, um posthum Flagge zu zeigen. Einem Frühwerk, wie dem von Camus, sollte man also nicht zuviel Bedeutung beimessen. Die ersten Pflaumen sind madig. So war etwa ich bis vor kurzem noch “mich am entwickeln”, wie Adenauer sagen würde. Jetzt erst mag ich mich an meinen Früchten erkennen lassen. Da kommt mir meine anonyme Unbeachtlichkeit zustatten. Ich kann ungestraft meinen ganzen Abraum hinter mir lassen und nur die Nuggets präsentieren. Auch Kafka wollte seine gesamte Produktion posthum verbrannt wissen. Nur dem Umstand, daß Max Brod sich nicht daran hielt, verdanken wir seine Teilwahrheit, daß das Leben die Hölle ist. Der Tagebucheintrag “ohne den Glauben an etwas Unzerstörbares in sich könnte der Mensch nicht leben” läßt auf eine Versöhnlichkeit seines unterbliebenen Spätwerks schließen. Die Nachwelt-Unsterblichkeit hat der Teufel geseh’n. Zu ihr könnte Georg Kreisler sinngemäß singen “aus dem wird nie etwas, der bleibt ein Genie”. Das bekannteste Beispiel ist Nietzsche. Ihm fehlte es an, wie die Errungenschaften der Arbeiterbewegung erdarbter, erstreikter und erlittener, Erkenntnis und an Maß zugleich. Er wußte sich “vorausbestimmt zur Sternenbahn” und war doch nur ein Meteorit, der beim Aufprall einen Krater riß. In diesen Krater sind sie hineingefallen, die Arier, die mit ihrem Blut dachten. Ihnen entstamme ich. Wie Chingachgook, der letzte Mohikaner, bin ich der letzte Arier. Das hat mir den Segen der anonymen  Unbeachtlichkeit eingetragen, denn mit so einer Erbschaft hat man auf dem Buchmarkt keine Chance. Sonst müßte ich heute meiner Erstlingsschrift hinterherdementieren, die nicht Literatur, sondern ein aufrichtiges Gebet der Gottsuche letzter Inbrunst war, das erhört wurde, wie ich jetzt weiß. Als Versöhnungshand über den Abgrund hat sie durch die Lektüre und anerkennende, respektvolle Reaktion des Auschwitz-Zeitzeugen Max Mannheimer ihren Zweck erfüllt. Mein Großvater war auch in den Krater gefallen und wandte sich nach der Stunde Null von Nietzsche dessen Erzieher Schopenhauer zu, der den Buddhismus auf den abendländischen Begriff gebracht hatte. Sterbend band er mir den Meisterdenker mit dem bösen Blick als den “Einzigen” auf die Seele, weshalb ich mir nach langem Ringen die erste der vier edlen Wahrheiten Buddhas “alles Leben ist Leiden und der Tod ist nur ein Übergang”, der schopenhauerischen Bestandsaufnahme, zu eigen machte. Insofern kann ich in meinem Fall von “buddhaisiertem Christsein” sprechen, dem Wittgensteins und Kafkas Teilwahrheit “das Leben ist die Hölle” nicht fremd ist. Camus, der Seelenführer meiner Jugendjahre, stößt in das selbe Horn, nur spricht er wegen der prinzipiellen Sinnfreiheit alles hienieden Wirklichen vom “Absurden” und der Pflicht zur metaphysischen Revolte. Die habe ich weisungsgemäß absolviert und bin statt im Nichts bei einem Gottvertrauen durch Dick und Dünn gelandet. Hierzu war allerdings der frossardsche Gottesbeweis unverzichtbar, der für mich nach fünfzig Jahren Protestantismus in die Konversion mündete. Seit dem Jahr 2000 veröffentliche ich im Internet ausgewählte Tagebuchtexte zum Thema “Theologie der Grenze zwischen Glaube und Unglaube”, Bisher würden sie auf dem Markt ein schmales Taschenbüchlein ergeben. In der Kürze liegt die Würze. Daran hat sich auch Frossard gehalten. Sein Büchlein “Gott existiert, ich bin ihm begegnet” ist die wichtigste Errungenschaft in meinem Regal. Sie ist der archimedische Punkt meines Denkens. Nur Bücher, und nicht Mutter Teresas tätiger Glaube in der Hölle auf Erden gleich nebenan also. Aber die Gnadengaben sind eben unterschiedlich verteilt. Ich weiß mich auf die Andersdenkenden angesetzt. Zwar bin ich davon überzeugt, daß religiöses Fürwahrhalten nicht heilsbedeutsam ist und daß jeder nach seiner Fasson letztlich selig wird, aber der Versuch, mit geistigen Waffen Proselyten zu machen, befriedigt meinen sportlichen Ehrgeiz. Meine Fitnessgeräte sind Bücher. Vordenker bin ich nicht, sondern, Nachdenker. Ersteres war ich mal im Beruf, das hat sich nicht bewährt. Was man nicht versteht, darüber lohnt das Nachdenken.