Thema: Ein Dutzend Jahre

Mittwoch, 3.10.2001. Ich bin Deutscher, Jahrgang `40, und mit der Maxime aufgewachsen, daß das Existieren als obszöne Peinlichkeit emp- funden werden müsse und möglichst wenig Relevanzspesen verursachen dürfe. Zu Anfang war ich nichts, mein Volk war alles. Dieses Volk feiert heute den Tag der nationalen Einheit, weil sich vor zwölf Jahren - so lange hatte der Hakenkreuz-Äon kalendarisch bloß gedauert - unblutig die Folgen ultimativen Frevels in Wohlgefallen aufgelöst hatten. Froh kann ich heute nicht sein, weil es ja doch immer was zu meckern gibt, ob die Sonne nun fahnenrot oder schamrot im Osten aufgeht. Mein Vater war ehrenhaft hakenkreuzverstrickt und hat durch seinen Soldatentod für mich heute mitbezahlt, deshalb kommen mir die Heutigen vor wie Zechpreller, umso mehr nach dem Fall der Mauer. Eine Nation von Zechprellern macht sich an der Frevelseite des Abgrunds Auschwitz ans Schmausen. Ich glaube, daß meine obige Herkunftsmaxime wesentlich besser der lapsarischen conditio humana Rechnung trägt, als das Menschrecht der Jagd nach Glück,  das man sich auch hierzulande zu eigen gemacht hat. Mögen die Amis doch unter dem Gesetz, nach dem sie angetreten sind, stürmen und türmen; wir hier sind venösen Blutes und müßten wissen, daß alles Ding seine Zeit hat und daß das Ein- und Ausatmen der Geschichte nicht länger dauern muß, als ein Dutzend, wenn auch ein Tausend Jahre veranschlagt waren. Deshalb täten wir besser daran, statt heute die terroristischen Risiken und Nebenwirkungen der Jagd nach Glück, die Qualseite des Abgrundes Auschwitz in den Blick zu nehmen, wo immer noch, und zwar bis ans Ende der Zeit, unsere Sache verhandelt wird, Einheit hin oder her. Zechpreller sind auch die, welche über den akzidentiellen Schrecken draußen den substantiellen drinnen vergessen machen. Martin Walser hat zwar mit seiner Moral-Keule-Polemik meine spontane Sympathie, diese zerschellt aber an der fernab verwehten Grablege meines Vaters. Der starb verblendet und wäre umsonst gestorben, wenn Auschwitz nicht Punkt 1 der deutschen Tagesordnung bliebe, bis absehbar ist daß Gnade werde. Das bißchen Mauerfall ist es jedenfalls nicht. Vielleicht war das ein Wunder. Aber bestimmt eines, das verpflichtet. Zu heiligem Ernst.